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Feininger

Full text: Kunstkaufleute / Jellinek, Josef (Public Domain)

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Trotz des liebevollen Denkens an die kleine Frau, das ihn 
immer in eine gehobene, schaffensfreudige Stimmung versetzte, 
konnte er den Faden des angefangenen Aufsatzes nicht wieder 
finden: Es wollte ihm heute nichts mehr aus der Feder fließen! 
Über das Papier hinaus schweiften seine Gedanken. „Wie 
schwer es mir, gerade mir gemacht wird! Andere sitzen in 
Stellungen und Ämtern, und ich muß erst helfen, einem Di— 
rektor eine Position zu schaffen, um mir dabei selbst, mit vieler 
Mühe, einen bescheidenen Winkel als Unterkunft zu zimmern!“ 
Er wurde ärgerlich, legte die Feder hin, klappte das Tin— 
tenfaß zu und verschloß den Schreibtisch. 
„Wie soll man auch in Stimmung kommen, in einem un— 
geordneten Zimmer, in dem alles noch voll Staub liegt! Na, 
so wie aus dem Theater etwas wird,“ dachte er, „und sobald ich 
nur einigermaßen zu Geld komme, zahle ich der Wirtin den 
kleinen Rest rückständige Miete und ziehe aus!“ 
Mit diesem Entschluß griff er nach Hut und Paletot und 
ging. — 
Langsam schlenderte er durch die Straßen. 
Von dem vielen Brotessen Wochen hindurch war sein Gau— 
men völlig wund geworden, als ob er Sägespähne gekaut hätte; 
dazu der ewige saure Geschmack davon, und das brennende und 
würgende Gefühl im Schlund! 
Seine durch solche Lebensweise bereits zerrütteten Nerven 
mußten eine Anregung haben. Gern hätte er geraucht; er griff 
in die Hosentasche, öffnete die Geldbörse und fühlte die Nickel— 
stücke nach. Endlich entschloß er sich, zwei Zigarren für fünf— 
zehn Pfennige zu kaufen. 
„Der Rauch betäubt den Hunger!“ fand er. — 
Er kam früher als sonst in das noch ziemlich leere Café 
und setzte sich heute an einen ganz einsamen Tisch. 
Im „Tageblatt' fand er einen großen Artikel von Fritz 
Mauthner; bald hatte er sich ganz darin vertieft. „Wie ver— 
steht es dieser Mann, alle Dinge — seien es auch oft recht 
oberflächliche Theatermachwerke, von großen Gesichtspunkten aus
	        
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