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Im "Café Westminster"

Full text: Kunstkaufleute / Jellinek, Josef (Public Domain)

53 — 
„Freilich, freilich“, stimmte Lehmann, der sich sofort zu 
fühlen begann, bei: „er lebt ja gewissermaßen von uns!“ 
„Und ich kann Ihnen auch wieder amal an G'fallen tun. 
's is so mancher Schriftstöller in Wien, den ich .. .“ Er 
stockte und blickte erwartungsvoll nach dem Mittelgang. 
Feininger kam gerade herein. Er grüßte höflich, aber 
mit zeremonieller Kühle nach dem Tisch der beiden und setzte 
sich auf einen leeren Stuhl an den Stammtisch, mitten unter 
seine Bekannten, wo er sich sogleich in Zeitungen vertiefte. 
Vom Nebentisch her hörte er trotzdem eine ungenierte 
Unterhaltung. Es war ein engagementloser Tenor, der beim 
Sprechen mit der Zunge anstieß: „Und jetzt'n hot ma mei Frau 
g'schrieb'n, daß sie fich von mir scheid'n loss'n wüll, — und das 
tuar i net! Na ja: wie kumm i denn a dazuar?! J loß' m 
net scheid'n! Dees hob' i ihr a glei g'schrieb'n! Da schreibt 
sie ma heit' wieder, sie gibt ma dreihundert Mark dafür, wenn 
i mi scheid'n loß'. Hob' i ihr zuruckg'schrieb'n, daß dees a 
Gemeinheit is, mir Göld anzubiet'n, und überhaupt: für drei⸗ 
hundert Mark geb' i meine Böwilligung net her, — i verlang' 
mindestens fünfhundert dafür!“ 
Feininger hatte sofort nach der nächtlichen Fahrt an Frau 
Witt einen Brief geschrieben, in welchem er ihr wegen ihres 
Benehmens im Wagen, das Lehmann auf seine Art sich 
ausgelegt hatte, Vorhaltungen machte. Die kleine Frau hatte 
diesen Brief, den sie Mittag erhielt, mit freudiger Genugtuung 
gelesen, denn sie sah in Feinigers Empbrung nichts als Eifer— 
sucht. Sie empfand das als ein geheimes Glück, denn sie war 
auf dem besten Wege, ihr Herz an ihn zu verlieren. 
Aber mitten in ihren Triumph fuhr wie ein vernichtender 
Blitz ein Brieflein Lehmanns. 
Eine Stunde darauf erhielt Feininger von Frau Witt eine 
Rohrpost⸗Karte, auf welcher sie ihn bat, sie möglichst sofort zu 
besuchen. 
Als er kam, fand er die zarte Frau in einer fürchterlichen
	        
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