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Weisse Liebe

Full text: Kunstkaufleute / Jellinek, Josef (Public Domain)

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decke sauste an ihnen vorbei. Traulich klang das Schellengetön, 
das sich dann allmählich in der Ferne verlor .. 
Sie waren nicht mehr weit von der Halensee'r Eisenbahn— 
brücke und wendeten sich jetzt ab, unter der Stadtbahn hin— 
durchgehend, am Neubau des Amtsgerichts vorüber, nach dem 
Lietzensee zu. 
Auch den häßlichen Bauschutt deckte überall der reinliche 
Schnee. 
Am Waldessaum angelangt, blickten sie auf das ferne 
steinerne Meer Berlin zurück. — 
„Da unten tost es, .. und hier .. ist Friede ..!“ 
Die sonnige Helle gab Feininger wieder neuen Mut. 
„Seelisch stark macht es mich, daß Sie gut zu mir sind! — 
Jetzt, wo es bald Frühjahr wird, da werden mit dem Schnee 
wohl manche Hoffnungen zerrinnen, .. wird so mancher Traum 
zerfließen! .. Aber trotzdem: ich habe so das Gefühl, als ob 
ich wieder aufwärts ginge! Aufwärts! — Wenn sich das mit 
dem Theater jetzt erfüllt, dann wird sich alles, alles wenden 
und ...“ Er schwieg plötzlich. 
Frau Witt sah ihn beinahe ängstlich an. Mit welchen 
Hoffnungen er sich nur wieder trug! Sie fürchtete immer für ihn 
die kommende Enttäuschung. 
„Ach, was schadet's, wenn die Theatergründung in Trümmer 
geht!“ beugte sie vor. „Was habe ich schon beim Theater für 
Elend gesehen! Lassen Sie nur mit dem Schnee die Hoffnungen 
zerrinnen! Sollte das Theaterprojekt glücken, können Sie immer 
noch dabei gewinnen; — bricht es aber später zusammen, ver— 
lieren Sie auf jeden Fall: wenn nicht Geld, so Ihre Ideale! 
Bewahren Sie sich ungetrübt wenigstens die!“ — 
Das Leben hatte es ihr abgewöhnt, große Zukunftspläne 
zu entwerfen. Sie hatte bereits resigniert und lebte nur noch 
ihrem Kinde. Seitdem sie am ‚Lessing-Theater“ war, hatte sie 
für sich und die Kleine zu essen. Sie spielte die Rollen, wie 
sie kamen und murrte nicht, obwohl sie genau fühlte, daß sie
	        
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