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Pauline

Full text: Kubinke / Hermann, Georg (Public Domain)

211 — 
Und Emil Kubinke, der sich kaum weniger begierig gezeigt 
hatte, die Feindseligkeit zu beginnen, war nicht um ein 
Deut mutiger. Und so saßen sie Abend für Abend, er 
hüben und sie drüben am Käüchentisch, wie die beiden 
Königskinder, die nicht zusammenkommen konnten. ... 
Und Emil Kubinke begann sogar, Pauline geistig zu heben, 
und las ihr mit bewundernswerter Ausdauer aus dem 
Uhland den Herzog Ernst von Schwaben vor. Die rot— 
blonde Pauline jedoch saß ganz still dabei und sah Emil Ku— 
binke sehr erstaunt an, und wenn sie auch die Sache nicht 
so recht begriff und die ‚schwarze Diamantengräfin‘ weit 
spannender und lesenswerter fand, so war sie doch der 
festen Meinung, daß es keinen klügeren Menschen gäbe, als 
ihren Bräutigam. Denn wenn auch Pauline Emil Kubinke 
sehr kühl behandelte und scheu und spröde ihm gegenüber 
war, so hatte sie doch in ihrer Phantasie schon ganz von 
ihm Besitz ergriffen und behandelte ihn da desto vertraulicher. 
Im Haus aber glaubte niemand, daß Emil Kubinke 
und die rotblonde Pauline nur den Herzog Ernst von 
Schwaben lasen, und vor allem Herr und Frau Piesecke 
waren sittlich entrüstet, daß sie so etwas bei sich dulden 
mußten. Herr Ziedorn hingegen sah die Sache jetzt sehr 
ruhig mit an. Solange sein Kunde nichts dawider hatte, 
gab es für ihn ja auch keinen Grund, Lärm zu schlagen. 
Herr Tesch aber würdigte Emil Kubinke von jetzt an als 
gleichberechtigt seiner Freundschaft und machte ihn zum 
Vertrauten seiner Liebessorgen, die keineswegs durch, Innig 
1850 und die nicht unbemittelte Waise mit Kind erschöpft 
waren, sondern sich noch aus einer langen Reihe unerledig— 
ter Beziehungen rekrutierten. Ja, wenn das alles so einfach 
gewesen wäre, da hätte Herr Tesch sich morgen aufbieten 
lassen, und Herr Tesch war nur baß gekränkt, daß ihm Emil 
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