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Sehnsucht

Full text: Sehnsucht / Hermann, Georg (Public Domain)

dauern aus, daß in einem Studentenalma— 
nach überall das Wort ‚Sonne‘ vorkäme; es 
wäre doch merkwürdig, daß die gleiche Vor⸗ 
stellung in so vielen Köpfen spuke. 
In der jüngsten Vergangenheit ist fast bis 
zum Überdruß von der Sehnsucht gesprochen 
worden, in jeglicher Kunst; aber eine Zeit 
wissenschaftlicher Versenkung wird sie ebenso⸗ 
wenig leugnen. Es gibt auch Stunden des 
Tages, wo die Sehnsucht in uns stärker ist; 
bei der sterbenden Sonne, die Gold und 
Flammen über den Himmel gießt; in den 
Dämmerstunden und in stillen Nächten über— 
flutet sie uns. Zwischen den engen Wän— 
den des Zimmers ist sie andrer Art, konzen— 
trierter, weniger unbestimmt, als beim 
Blicken in die Ferne. Je wesenloser, desto 
betäubender ist ihr Gift. Ich liebe es des— 
halb, von meinem Fenster aus weit sehen 
zu können, ich wohne immer im jletzten 
Hause‘; den Fuß lasse ich gern ruhen, aber 
mein Auge muß wandern können durch ein 
Meer von Licht. Meine Blicke müssen über 
Buschketten hintanzen, über die mattgrünen 
Streifen der Wintersaat huschen, durch die 
Gewebe der kahlen Baumkronen gleiten, über 
die weißen Häuserblöcke hin, fort, bis sie fern
	        
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