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Die Großstadteinsamkeit

Full text: Sehnsucht / Hermann, Georg (Public Domain)

Die Großstadteinsamkeit. 
as vielleicht ist eines der Hauptmerkmale 
Oꝛ großstädtischen Lebens, daß in ihm 
der einzelne nur noch dekorativ wirkt, irgend 
ein kleines Knöpfchen ist, das an irgend einer 
Stelle steht. Und, wenn es nicht dastände, 
wäre das noch ebenso. 
Deswegen kann auch der einzelne nirgends 
so allein, so abgeschieden, so fremd und unbe— 
teiligt sein wie im Wirbel der Großstadt. 
Und seltsam, je mehr dieser Wirbel rast und 
gährt, je breiter und gewaltiger die Fluten 
des großstädtischen Verkehrs werden, desto 
stärker werden wir — ich rede hier pro domo, 
es ist wenigstens meine Erfahrung — von 
dieser neuen seelischen Krankheit befallen: der 
Großstadteinsamkeit. Sie wird geboren aus 
dem Gefühl des Verlorenseins in dem viel— 
köpfigen Organismus der Gesamtheit; aus 
dem Gefühl des Unbeteiligtseins an alledem; 
aus dem schnellen Binden und Lösen; der 
schattenhaften Hast des Vorüberjagens. Alles 
wird zum Sammelbegriff, jede Individuali-— 
tät taucht unter. Aus dem einzelnen Men— 
schen wird eine Herde, die sich hastig in einer 
Richtung schiebt, und der eine eben solche Herde 
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