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Ketzergedanken zum Thema Theater

Full text: Sehnsucht / Hermann, Georg (Public Domain)

Mann da, der uns lachen und weinen lassen 
will, verächtlich macht. Und über dieses leise 
— ich gebe zu: atavistische — Mißbehagen 
komme ich eben nie im Theater hinweg. Es 
bereitet mir dadurch eine ähnliche ästhetische 
Unfreude, wie die lebenden Bilder es tun, 
die man zu Hochzeiten oder auf Künstlerfesten 
stellt. Wenn das Leben die Kunst nachahmen 
will, kommt immer etwas Triviales und Un⸗ 
angenehmes heraus. 
Und noch etwas kommt bei der rein äußeren 
Form des Theaters hinzu. Ich bin dort mit 
vielen, mit Tausenden zusammen, und meine 
Beschäftigung mit den andern, die mich stören 
oder interessieren, irritiert mich. Ich stehe 
nicht als einzelner mehr dem Kunstwerk 
gegenüber. Mit der Garderobe habe ich meine 
Einzelseele abgegeben und bin nun ein Teil 
der Massenseele geworden. Und ich will allein 
wie in meinem Zimmer dem Dichtwerk gegen— 
überstehen, nicht durch Tausende beeinflußt, 
die mir suggerieren, meinen Beifall leicht— 
sinniger zu verschenken, als ich es als einzel⸗ 
ner verantworten kann, kurz, die meine ganze 
Empfänglichkeit vergröbern und abstumpfen. 
Wie wäre es denn sonst möglich, daß alles 
Grobe auf der Bühne herauskommt und alles 
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