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Über Reisen

Full text: Sehnsucht / Hermann, Georg (Public Domain)

in unserer Phantasie besitzen; in Wahr⸗ 
heit streifen wir kaum den Saum ihres Ge— 
wandes mit verschämten Blicken. Die Sehn⸗ 
sucht, die Mutter jeglicher Kunst, jeglichen 
Gestaltens in Wort, Ton, Stein oder Farbe, 
spricht bei dieser Art des Reisens ihr Wört⸗ 
lein. Das Nicht-verweilen-können, das mit— 
leidlose Weiter-gezogen-werden, die kine— 
matographische Schnelligkeit des Bilderwech— 
sels, all das vereint sich um den Eindrücken 
jenen merkwürdigen bittersüßen Reiz zu 
geben. 
Hinzu aber kommt noch das eine, daß uns nie 
die Welt, daß uns nie das Leben soviel Rät— 
sel aufgibt, wie gerade beim Reisen. Diese 
Bauern dort auf dem Acker, die auf die Hacke 
gestützt dir nachschauen, streift dein Blick, das 
erste und letzte Mal im Leben. Der Frieden, 
den dieser milde Abend über all die kleinen 
Hütten breitet, wird nie dein eigen werden. Du 
dachtest deinen Sorgen zu entfliehen, und du 
bist ganz der Gleiche geblieben. Du trägst dei⸗ 
nen Packen mit dir wie die Schnecke ihr Haus. 
Den Schönheiten der Welt wie denen der 
Kunst stehst du gegenüber, — und du bleibst 
der Gleiche. Du glaubst in Ekstasen zu sein; 
aber es ist nur ein starker Wind, der deine 
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