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Zweites Kapitel

Full text: Kurfürstendamm / Lothar, Rudolf (Public Domain)

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Verleger wirklich darauf einging, die Oissertation 
in erweiterter Form als Buch herauszugeben, 
wofür er ihm ein für allemal 300 Mark Honorar 
versprochen hatte, wenn es ihm glückte, allwöchent- 
lich einen Artikel in einem Berliner Blatt zu pla— 
zieren, so konnte er es immerhin auf 250 bis 
300 Mark im Monat bringen. Das waren 3000 bis 
3600 Mark im Jahr. Mehr brauchte er wohl auch 
nicht. Er teilte die Wohnung mit seinem Bruder 
und war sein Lebenlang an die bescheidensten Ver— 
hältnisse gewöhnt. Wie hätte er auch sonst einen 
so brotlosen Erwerb, wie die Kunstgeschichte zum 
Lebensberuf wählen können! ODiese Gesellschaft hier 
war ja sehr interessant, aber irgendwelche Sehn— 
sucht, in diese Kreise einzutreten, hatte er nicht. 
Er fühlte deutlich, daß er aus einer anderen Welt 
kam, und zu dieser „Welt“ keine Beziehungen hatte. 
Unbemerkt, wie er den ganzen Abend geblieben 
war, ging er auch fort. Über die Linden, durch den 
Tiergarten bis hinaus nach Charlottenburg in die 
Suarezstraße — ein weiter Weg. Aber er ging 
ganz mechanisch. Nichts liebte er so sehr, als im 
Gehen zu träumen. Dann wurden alle Bilder 
lebendig, mit denen er sich tagsüber beschäftigt 
hatte, und er ging einher in einem wimmelnden 
Gedränge von Rittern in eisenklirrender Rüstung, 
von kränzeschlingenden Jungfrauen, von ernsten 
Männern in dunklen Schauben, von Heiligen mit 
Sonnenkreisen ums Haar, von lachenden Knaben, 
die durch die Lüfte sprangen, von derben Bauern, 
die Kirmesfreude im Leibe, von Göttern die 
siegten und litten, von Göttinnen, deren Anblick 
selig machte. Das war die Welt, in der Dr. Ludwig 
Günther sein wirkliches Leben lebte.
	        
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