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Erstes Kapitel

Full text: Kurfürstendamm / Lothar, Rudolf (Public Domain)

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Zug sehr gut stand. Auf all ihren zahllosen Bildern 
— denn sie ließ sich mit Leidenschaft malen und 
photographieren — schwammen die Augen in 
Schwärmerei und lag die Sehnsucht der Romantik 
über den roten Lippen. Auch jetzt vor dem Spiegel 
fand sie den beliebten Ausdruck wieder. Sie lächelte 
ihrem Spiegelbilde vergnügt und zufrieden zu, 
winkte ihm graziös mit der Hand einen Gruß, 
und dann öffnete sie sehr zufrieden mit sich und 
mit ihrem Aussehen die Tür ihrer Wohnung. 
Es war 8 Uhr abends. ZJohanna, das Stuben— 
mädchen, mit dem weißen Häubchen, dem weißen 
Schürzchen und den ausgeschnittenen Lackschuhen, 
die die durchbrochenen Seidenstrümpfe sehen 
ließen (Juliane trug ihre seidenen Strümpfe 
nur zweimal und schenkte sie dann ihrem Mädchen, 
das sie auftrug) meldete, daß der junge Herr 
Raoul schon zur Nacht gegessen hätte und bereits 
schliefe, daß Fräulein Elvira noch nicht zu Hause 
sei, daß der gnädige Herr sich zum Ausgehen 
anschicke, und daß eine Menge Briefe auf dem 
Schreibtische lägen. Juliane ging, ohne Hut 
und Handschuhe abzulegen, in ihr Boudoir und 
sah die Briefe durch. Es waren lauter Rech— 
nungen, Mahnungen, kurz nur Geschäftsbriefe. 
Sie öffnete keinen einzigen und warf sie alle in 
eine Lade, die ganz voll war mit solchen unge— 
öffneten Korrespondenzen. Dann ging sie durch 
den dunklen Salon, durch das Herrenzimmer 
und das mächtige Speisezimmer und öffnete die 
Türe zum schmalen Gange, der in die hintere 
Wohnung führte. Dieser Gang war vollgestellt 
mit Schränken und allerlei Gerümpel, und man 
konnte nie recht durchkommen. Eine muffige, 
stickige Luft schlug einem entgegen; es roch nach
	        
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