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Sechstes Kapitel

Full text: Unter Zigeunern / Zur Megede, Johann Richard (Public Domain)

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„Er hat dich nun einmal so geliebt, Lol“ Er 
wollte sie beruhigen und erreichte das Entgegengesetzte. 
Sie sprang auf. „Quäl mich nicht! Du schreibst 
wohl einen Roman à la Marlitt? Ich gab ihm 
meine Jugend, er mir sein Geld. Doch die Wahr— 
heit ist euch nie sentimental genug!“ 
„Und was willst du thun?“ 
„Weiß ich's?“ Sie ging schweigend im Zimmer 
auf und ab und legte dann stehenbleibend ihre Hand 
auf die Schulter des Grafen. Er rührte sich nicht. 
„Schatz, ich habe an jenen Abend gedacht, da— 
mals, weißt du, als du mich zum erstenmal küßtest!“ 
Durch den Ton zitterte etwas Träumerischweiches. 
Die Erinnerung war ihm nicht lieb. Dieser 
leichtsinnige Kuß, der sein Leben bestimmte! Der 
wonnevolle Schauder jener Stunde kam ihr jetzt 
mitten im Elend wieder zurück. Und sich ganz zu 
ihm herabbeugend, flüsterte sie ihm ins Ohr: „Nicht 
wahr, du verläßt mich nicht?“ 
„Gewiß nicht!“ Und doch hätte ein einziger 
Blick auf das aufgeschlagene Tagebuch vor ihm ihr 
die Wahrheit enthüllt. Warum regte sich bei ihr 
nicht die Neugierde? Aber auch ohne das würde 
sie bei nüchternem Sinn den Kontrast gefühlt haben, 
namentlich sie, deren Spott hier alles herauszufordern 
schien: das unordentliche Schlafzimmer, die bestaubten 
Möbel, dieser kalte Kuß, den der zusammengesunkene
	        
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