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I. Buch. Der Irrnis und der Leiden Pfade. 1880

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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gelegten Hände, die Stirn, die Wangen. Dann aber lag 
er flehend zu ihren Füßen, umschlang ihre Knie und weinte 
bitterlich mit ihrer Not. 
Und als er sie in stummer Beklommenheit nach Haus 
geleitet, umschlang er im Hausflur die blasse, traurige 
Elfengestalt: „Sei wieder gut, mein süßes Lieschen; mein 
bist du und mein bleibst du; ich kann nicht leben ohne 
dich und kann dich nicht lassen.“ Ihre Lippen waren kalt 
und regungslos unter seinem Abschiedskuß; als die schwere 
Tür zuschlug, klang es ihm wie ein Hohngelächter ins 
Ohr. — —— 
An diesem Montag ging die Sonne über Berlin hinter 
einem dichten Dunstschleier auf, der alle Straßendurch- 
sichten verdeckte. Es war dazu schwül. Ein Gewitter schien 
sich hinter dem Nebel zusammenzubrauen, Eine schwüle 
Stimmung lag auch über dem Korffschen Geschäft, wo 
alles pünktlich trotz des Sonntags zuvor an seinem Platze 
war. Als der zweite Kassenbote um neuneinhalb Uhr vom 
Kassenverein kam, — wo nach einem sehr sinnreichen Ver- 
fahren täglich die gehandelten Börsenpapiere zwischen 
Käufern und Verkäufern ausgetauscht werden, — war 
Spiegelberg, der diese Papiere morgens in Empfang nahm, 
noch nicht da. Emil fragte von seinem Pulte aus, ob Herr 
Spiegelberg sich etwa krank gemeldet habe. Jetzt trat 
der Kassenbote vor und erzählte zögernd, daß Herr Spiegel- 
berg sich gestern vielleicht erkältet habe. Der Bote von 
Tietze & Tobien habe ihm auf dem Kassenverein erzählt, daß 
Herr Spiegelberg gestern in Treptow ein Boot belegt habe, 
das der Bootsverleiher einem Spätergekommenen geben 
wollte, Darüber seien sie in Streit geraten; der Verleiher 
habe Herrn Spiegelberg einen Stoß gegeben, daß er bis 
an den Hals in das dort nicht allzu tiefe Wasser gefallen 
sei. Der Bote habe den Verlauf der Sache selber mit- 
angesehen. — Das ganze Personal hatte dieser Erzählung 
Meissner, Moderne Menschen. 5
	        
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