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I. Buch. Der Irrnis und der Leiden Pfade. 1880

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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Der Alte nahm eine neue Zigarette, während Mehles 
das Blatt durchsah. Plötzlich guckte er mit listigem Lächeln 
auf: „Sagen Se mal, Korffchen, ist der Geschäftsfreund ’ne 
schöne junge Frau im poussabeln Alter so zwischen zweiund- 
zwanzig und zweiundvierzig, daß man’s aus Liebe tun 
könnte?“ 
„Nee, Sie oller Schäker. Ich glaube, Sie geben Ihre 
ewige Seligkeit dran, wenn nur ’n Unterrock dabei is. 
Sehen Sie sich das Objekt und die Zahlen mal an; die 
Sache is fein, wenn sie richtig gemacht wird. Außerdem 
kriegt der Mann nicht, was er haben will. Wir müssen 
nach der Kraftleistung doch frühstücken. Sie haben die 
Wahl zwischen Uhl, Dressel, Hiller oder Borchardt.“ 
„Hm — bin mehr für Borchardt.“ 
„Na also Borchardt. Das Frühstück kann ’ne Viertel- 
million kosten. Sie bringen dazu Ihren Cousinlala nebenan, 
Rosemann, mit. Da die Taxe die Hauptsache und guter 
Rat in Bausachen besonders teuer ist, nehmen wir auch 
den Baurat mit; der Mann macht doch ooch nischt um- 
sonst — et is alles da.“ 
Mehles nickte verständnisvoll; „Der Schwiegervater von 
meinem Cousin Rosemann sitzt in unserm Aufsichtsrat. Den 
müssen wir auch einladen, damit er die Stange hält.“ 
„Menschenskind, hören Se mit die Familienjenealojie 
auf; der is schon bei. Bin ick denn seit jestern in de 
Welt?“ 
„Na, denn wollen wir mal sehn.“ Auch diese beiden 
Knaben steckten nun in langer Beratung die Köpfe zusammen 
und sprachen den Zettelinhalt Satz um Satz durch. „So 
geht’s,“ sagte Mehles endlich. „Sehen Sie, so lange Niedaß 
im Geschäft bleibt, ist die Sache unbedenklich. Die Fried- 
richstraße wächst. Aber wenn er mal ’rausgeht, kann es 
kritisch werden, und dann ziehen uns unsere Aktionäre das 
Fell über die Ohren!“ 
Da die Zeit vorgeschritten war, nahmen sich die alten 
Freunde eine Droschke, um zur Börse zu fahren. Als 
der Wagen über die Schloßbrücke lenkte, grüßte jemand
	        
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