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III. Buch. Reif sein. 1895

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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Winken und Grüßen nach jedem zehnten Schritt erwidert, 
bis er in die Kaiser Wilhelmstraße einbog. Er ging zur 
Geburtstagsfeier eines Schulkameraden. Und da sie nun, 
ungewiß was anzufangen sei, nach dem Schlosse hinüber- 
sah, das schon im Schatten lag, und den feinen Duft be- 
merkte, den die große Baumasse in der Frühlingssonne 
ausströmte, da lüsterte es sie, Frau Erna Schmielecke zu 
einem Kaffeestündchen unangemeldet zu überfallen. Sie 
nahm eine Droschke und fuhr über die Straße Unter den 
Linden und im Tiergarten mit einem Umweg am Neuen See 
vorbei nach der Kurfürstenstraße, — Im Tiergarten war alles 
voll Leben: geputzte Menschen wandelten mit frohen Ge- 
sichtern unter dem jungen Grün, — Kutschen fuhren umher, 
— am Neuen See selbst zog ein Knabenschwarm in Reih’ 
und Glied dahin und sang: „Der Mai ist gekommen, — 
die Bäume schlagen aus“, — die junge Welt war voll Früh- 
lingsglorie und Maienglanz, — — ihr selbst wurde dabei 
das Herz ganz weit, als stände ihr ein großes Glück bevor! 
— Die kleine Frau Erna empfing ihre Freundin mit der ihr 
eigenen stürmischen Zärtlichkeit und führte sie in den Win- 
tergarten, der eigentlich eine sehr geräumige geschlossene 
Veranda neben dem Speisesaal an der hinteren Seite des 
Hauses war. Dort saß schon eine Muhme von Frau Erna 
aus Lübeck, die auf der Durchreise nach Dresden die Schmie- 
leckeschen auf zwei Tage heimgesucht hatte, — eine große, 
fette, blauäugige, sehr hübsche Mecklenburgerin, der man 
wohl das gute Herz, nicht aber den Umstand ansah, daß 
sie nach Dresden ging, um Großmutter zu werden. Sie war 
lebhaft mit einem feinen Takt und hatte die weltbürgerliche 
Selbstsicherheit, die allen Hanseaten eigen ist und nur beim 
Hamburger mitunter ins Groteske geht. — In der Veranda 
war es wonnig zu sitzen. Die Fenster waren an zwei Seiten 
ausgehoben, — die Gärten ringsherum grünten als ein großes 
Revier, — es duftete und blühte und tirilierte. So behag- 
liche als ansehnliche Korbmöbel standen in dem mit leichten 
Matten ausgelegten Raum. Eben war der Kaffee auf- 
yetragen, — jener auf Karlsbader Weise bereitete Kaffee im
	        
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