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I. Buch. Der Irrnis und der Leiden Pfade. 1880

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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Vater und Sohn versöhnten sich mit einem Handschlag. 
Mit einem kalten Blick hatten sie einander indessen durch- 
schaut. Es kam einer jener Kriege zwischen den beiden 
schönen Seelen, die tagelang mit versteckten Grobheiten 
und Madigkeiten dauerten, deren eigentliche Schläge aber auf 
das Personal und besonders die Lehrlinge abgeladen wurden. 
Ein Esel löste einen Schafskopf ab und umgekehrt. Das 
liebe Pinschergesicht von Spiegelberg änderte sich jetzt 
im Handumdrehen. Es spritzte Gift und Galle. Von seinem 
Pult her schnauzte er den ganzen Tag, bei jeder Kleinig- 
keit und immer vorn hörbar. Es war das einer der Kunst- 
griffe dieses klugen kleinen Herrn, durch den er sich 
bei der Firma beliebt machte, — ihr Leid war sein Leid. 
Das Personal duckte sich, Nur Anders focht die schwüle 
Stimmung im Geschäft nicht viel an, Ein Heblicher Stern 
war in seinem Leben aufgegangen und sichtbar in jeder 
Stunde bei ihm. Tagelang wirkte die von Schmielecke er- 
haltene Zusage wegen Hilfe beim Stellungsuchen — tage- 
lang hatte er noch Aussicht, eine der nach dem Kündigungs- 
termin stets reichlich angebotenen Stellen zu erlangen. Wie 
er sich mit Korffs dann auseinandersetzte, wußte er frei- 
lich nicht. So stand er denn an jedem Tage früh auf, ver- 
sah nach den Anzeigen in der Zeitung der Wirtin sowie 
den Hauptzeitungen einer nicht allzu fernen Lesehalle die 
stets abends auf Vorrat geschriebenen Bewerbungen mit 
Adressen und gab diese in den Zeitungshäusern selbst ab, 
da er die vielen Porti nicht aufbringen konnte. Um das 
viele Briefpapier zu erschwingen, mußte er wieder mehrere 
Tage auf Mittagessen ‚verzichten. Nichts — nichts — nichts! 
Alles war erfolglos, und mählich tauchte wieder von allen 
Seiten um ihn das ganze Elend des mittel- und anhanglosen 
jungen Kaufmanns, das viel fürchterlicher als irgendein 
Arbeiterelend ist, auf und lähmte die letzte Kraftanspannung. 
Das Bauernblut, das er vom Vater her in den Adern hatte, 
schäumte in wildem Trotz gegen die zynische Verbissen- 
heit des Schicksals auf, — die feine Städternatur von der 
Mutter her mit dem Bildungs- und Schönheitsbedürfnis rang
	        
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