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III. Buch. Reif sein. 1895

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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Parkseite der Straße dahinschritt, die würzige Luft einsog 
und seine Morgenzigarre mit Behagen rauchte, ließ er seine 
Augen über die Villen drüben hinter den um diese Jahreszeit 
Noch ungepflegten Vorgärten schweifen. Alle lagen still, 
abgeschlossen, ängstlich jeden fremden Blick abwehrend, als 
Ob diese Hauswände nicht Glasscheiben seien, hinter denen 
88 kein Verbergen gibt. Die Standesgenossen wissen, wer 
die Leute sind, die dort wohnen, — woher sie kommen, — 
Was sie treiben und besitzen; man kennt ihre Laster und ihre 
Schleichwege; man weiß, mit wem sich die unartige Haus- 
herrin von hier oder von dort an dem sündhaften Gatten 
Tächt. Es ist ein drolliges Versteckspiel für den Wissenden 
— und Wissender ist, wer dazu gehört. — Am Kemper- 
Platz nahm Anders eine Droschke und gab dem Kutscher eine 
ümständliche Fahrt an, denn das Gefährt rollte durch das 
Bank- und Konfektionsviertel und weiterhin durch die Haupt- 
adern der Altstadt mit allerlei Umwegen, ehe es am Amts- 
Zericht in der Neuen Friedrichstraße hielt. Dort sprach 
Otto im Grundbuchamt vor, ging alsdann auf die Waisen- 
brücke am Ende der Straße zu und über diese nach Neu- 
Kölln am Wasser, wo er einst als Hungerkünstler gehaust 
hatte. Der Zufall ist oft ein neckischer Geselle. In 
augenblicklicher Eingebung hatte Anders am Sonnabend 
bei Schmielecke seiner alten Behausung in der Ufer- 
Straße gedacht. Heute früh bot ihm ein Vermittler das 
gleiche Haus zum Kauf an. Es gelüstete ihn festzustellen, 
ob es in der Tat seine alte Herberge war. Und sie war es. 
Wie er von unten das linke Mansardenfenster erspähte, kam 
&in Verlangen über ihn, einen Blick in den Raum zu tun, 
In dem er so unsäglich viel Leid und das süßeste Glück seiner 
Jugend erlebt hatte. Die Freitreppe schritt er hinauf, läu- 
tete beim Verwalter und zeigte den Brief des Vermittlers 
vor. Im Hof sah er sich forschend um, ließ, um den Schein 
Zu wahren, sich eine Wohnung im ersten Stock öffnen und 
begehrte dann die Mansarde zu sehen. Sein abgehärtetes 
Herz pochte, als er oben auf dem verfallenen, von muffigem 
Geruch erfüllten Vorplatz stand und klingelte. Eine dicke
	        
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