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III. Buch. Reif sein. 1895

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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reichen Ausleben hatte, wenn der richtige Wecker kam. 
Sie wird durch die Heirat schwerlich zu ihrem Recht ge- 
kommen sein. Ihr Vermögen und ihr Elternhaus waren ihr 
Unglück. Es ist so sonderbar, wie wenig gescheiten Gebrauch 
die meisten Menschen, besonders aber Frauen, von ihren 
Mitteln machen, und wie selten sie wissen, daß ihr Schicksal 
meist in ihren eigenen Händen ruht. Wie viele bezahlen 
Torheit und Unüberlegtheit mit einem gegen ihre innerste 
Natur gerichteten und deshalb qualvollen und zwecklosen 
Lebenslauf.“ 
Er wollte eben Näheres über Elses Geschick fragen. 
Da beugte sich Rinkler über den Tisch, wies auf den 
Wimpel an der Gallione mit der Inschrift: „Hoch die Presse!“ 
und fragte verbindlich: „Sie lieben die Literatur, Herr 
Direktor!“ 
„Ach so,“ schmunzelte Otto launig, — „das hat seinen 
Grund. Gelegentlich meines ersten Geschäfts mit Schmielecke 
habe ich ein großes journalistisches Talent bei mir entdeckt, 
das zum tiefen Kummer unserer Zeitgenossen leider fast 
brach liegt, und dies damals für unsere Sache in Schwung 
gesetzt. Voilä tout. Sie sehen aber, daß ich ein dankbares 
Gemüt habe, denn beim Entwurf zu diesem Denkmal habe 
ich die Presse nicht vergessen, die uns damals gerade im 
richtigen Augenblick aus der Patsche half.“ 
„Da sind wir sozusagen Kollegen,“ meinte Rinkler 
höflich. 
„Sie sind ein Schöngeist, Herr Doktor, und tun mir mit 
der Kollegenschaft wirklich zu viel Ehre an. Ich schreibe 
nicht wie Sie aus Freude am Schreiben und innerem Beruf. 
Meine volkswirtschaftlichen Artikel sind sehr Gelegenheits- 
sache; ich schreibe nur, wenn ich Irrtümer aufklären oder 
meine Interessen vertreten will.“ 
„So gehören Sie doch zum Federvolk. Lieben Sie die 
schöne Literatur?“ 
„da und nein,“ meinte Otto nachdenklich. „Ich lese 
und liebe diejenige Literatur, die einen Zusammenhang mit 
dem Kampf, der Entwicklung, den großen Fragen der Zeit
	        
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