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II. Buch. Arm sein ist ein Unglück. 1885

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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ihn vertieft und seinen Sinn auf das Bedeutende ge- 
richtet. 
Seine Hand fuhr versonnen über die Saiten der Zither 
auf dem Tisch neben ihm. Er suchte sich die Spielweise 
klarzumachen, Zaghaft klimperte er auf den schrill, dann 
aber zart und verschwimmend erklingenden Saiten das Weih- 
Nachtslied. Es ging holperig, — aber es ging. Eine selt- 
same Lebendigkeit erwachte mit den Stimmen in der Stille 
des Zimmers. Als wenn das Licht Farbe und Leben be- 
kommen hätte, die Wärme zu streichelndem Kosen geworden 
wäre, — als wenn Blumenduft hereinwehte! Er trank ein 
neues Glas auf Tegel und auf Else. Es kam über ihn, 
daß er sich durch entschlossene Mannestat von der Fessel 
der Armut bald befreit hätte, bald unabhängig und Herr 
seiner Entschlüsse sein würde, — daß er ein liebliches 
junges Weib in ein reich ausgestattetes Heim führen und 
die Zauberwelt der Töne, über die sie gebot, sich untertan 
machen würde. Willkommen, selige nächste Weihnachten 
an einem liebewarmen Frauenherzen! jubelte er still für 
sich. Das Instrument ist da, — tauche auf, zarte Hand, die 
es zum Klingen, Jauchzen und Jubeln bringt! — Als das 
Jetzte Glas aus der Flasche geleert war, löschte Otto die 
Lichter und ging selig wie der Küster nach einer Dorf- 
hochzeit zu Bett — — 
— — Am zweiten Festtag war Otto Anders zum 
Abendessen bei Matzkes eingeladen. Noch ein Ehepaar mit 
zwei erwachsenen Söhnen war anwesend. Er ein hoch- 
gewachsener, jovialer, über die gewandten Manieren des 
Ladenkaufmanns verfügender Inhaber einer sehr angesehenen 
Möbelfabrik in der Kochstraße, — sie blond, dick, schweig- 
sam wie Mama Matzke und gleich dieser sehr mit Brillanten 
behängt. Von den Söhnen ähnelte der eine in Gestalt und 
Intelligenz dem Vater; er war in dessen Geschäft tätig. Der 
andere war ein rund gefütterter Muttersohn und stand im 
Dienst der Reichsbank; er markierte in Worten und Werken 
gehobenes Menschentum in sehr drolliger Weise unter 
anderem dadurch, daß er blank gewichstes, gescheiteltes
	        
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