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II. Buch. Arm sein ist ein Unglück. 1885

Full text: Moderne Menschen / Meissner, Franz Hermann (Public Domain)

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Weder aus meinem Verhalten noch aus meinen Lebens- 
umständen können Sie derartiges schließen. Im übrigen 
habe ich keine Ahnung, wer Sie sind, da ich öfter am 
Fenster meines Hauses stehe, ohne auf die Passanten der 
Bischofstraße zu achten. 
Wenn ich Ihren Brief überhaupt beantworte, so be- 
stimmt mich die offene Nennung von Namen und Adresse 
Ihrerseits. Ich glaube daraus entnehmen zu können, daß 
es Ihnen mit Ihrer Annäherung einigermaßen ernst ist. 
Und das interessiert mich als Frau, wie ich offen bekenne. 
Da ich unabhängige Witwe bin und niemandem Rechen- 
schaft abzulegen brauche, will ich Ihnen insofern entgegen- 
kommen, als ich am Sonnabend um zehn Uhr am Fenster 
stehen werde. Wollen Sie vom Neuen Markt her vorüber- 
gehen und zweimal tief grüßen, so weiß ich, daß Sie der 
Briefschreiber sind. Gefallen Sie mir der äußeren Erschei- 
nung nach, so finden Sie Sonntag früh im Lokalanzeiger 
unter den vermischten kleinen Nachrichten die Worte 
‚B..... Straße. Ja.‘ Ich erwarte dann von Ihrer Seite 
das unauffällige Arrangement einer Aussprache, jedoch nicht 
bei mir. Auf Abenteuer lasse ich mich jedoch, wie ich 
zur Vermeidung von Mißverständnissen bemerken möchte, 
nicht ein; ich bin auch nicht heiratslustig sozusagen. 
Kommt jemand, der mir gefällt, so liegt kein Grund vor, 
nein zu sagen. Soweit einer ehrenhaften Annäherung ent- 
gegenzukommen, kann ich verantworten, — mehr aber nicht. 
Ergebenst 
E. R. 
P. S. Warum wünschen Sie eine postlagernde Ant- 
wort, nachdem Sie Namen und Adresse angegeben haben? 
Darauf lasse ich mich nicht ein. Sind Sie etwa ein untreuer 
Ehemann, so ist jeder weitere Schritt vergeblich.“ 
„Alle Achtung,“ kritisierte Paul den Brief, — „das ist ein 
forsches Weib. Mensch, wie sieht se aus, — sehen muß ich 
se.“ Otto kicherte: „Habe ich mir gedacht, mein Sohn,
	        
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