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Der Held des Tages

Full text: Der Held des Tages / Lindau, Paul (Public Domain)

Der Held des Tages 
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wir von der Tafel aufstanden, war ich in sie bis 
über die Ohren verliebt. So reizend hatte noch nie 
eine Dame mit mir geplaudert, — so frei, so an⸗ 
regend, so selbständig, so unbekümmert, wie eben 
nur eine junge, geistvolle und unglaublich verwöhnte 
Frau, der man niemals ernsthaft widersprochen hat, 
sprechen kann. Was sie sagte, war ja durchaus nicht 
immer unanfechtbar; es war mitunter sogar voll⸗ 
kommen verkehrt; aber sie sagte es so hübsch, so aus 
ihrem Eigenen heraus, daß es wirklich eine Freude 
war, ihr zuzuhören. Aber eigentlich war es weder 
die blendende Schönheit ihrer Erscheinung, noch die 
Anmut ihres Wesens, die mich so gewaltsam zu ihr 
hinzogen; es war vielmehr das instinktive Gefühl, 
das mich gewiß nicht täuschte, daß ich ihr offenbar 
sehr sympathisch war. 
Du hältst mich doch hoffentlich nicht für einen 
eingebildeten Narren, der mit Eroberungen prahlt? 
Über all die himmelnden, ästhetisierenden Kunst⸗ 
schwärmerinnen, die in mir den „Helden des Tages“ 
anschmachteten, hatte ich mich im Geheimen immer 
lustig gemacht. Ich wußte ganz genau, was ich von 
ihrem bestrickenden Lächeln und ihren vielverheißenden 
Blicken zu halten hatte. Das Spiel machte mir 
Spaß, so lange es dauerte, denn es war mir neu 
und angenehm; und ich dachte nicht mehr daran, 
wenn ich zu Hause die weiße Kravatte lockerte. 
Paul Lindau, Der Held des Tages. 7
	        
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