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Fünftes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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wurden sie von einander getrennt. Und als sie sich nach 
Jahren, statt in einem glänzenden Palast, in einer arm⸗ 
seligen Hütte wiedertrafen, mußten sie sich jenes Sandbergs 
erinnern, und daran erkannten sie sich wieder. 
„Wo hast du denn das gelesen?“ mußte Magda plötz⸗ 
ich fragen. „Das hört sich ja gerade an, als sei es hier auf 
unserem Hof passiert.“ 
Der Sohn der Mäaäntelnäherin schwieg einen Augen— 
blick, dann sagte er halb verlegen: „Die Geschichten denke 
ich mir alle selbst aus. Siehst du, die letzte habe ich sogar 
niedergeschrieben.“ Oskar Schwarz zog ein blaues Schreib⸗ 
heft hervor, und richtig — Magda Cunte das alles, zierlich 
geschrieben, lesen, was ihr Freund soeben erzähit hatte. 
Im ersten Augenblick starrte sic den Nachbar an, als 
erschiene er ihr wie ein Wunder; dann lief sie in die 
Stube und rief laut: „Mutter, denke nur, Oskar schreibt 
Geschichten, ganz gewiß, alles ganz natürlich. Den 
großen Sandberg auf unserm Hof, die Höhle, die immer 
drin ist, und die Kinder, wie sie ihre Häuser bauen! 
Oskar, komm' doch mal herein! Der Sohn der Frau 
Schwarz näherte sich zaghaft. Sein blasses Gesicht war 
rot geworden. Er lehnte sich neben seiner Mutter an die 
Wand, und die Mäntelnäherin fuhr ihm mit der wohl—⸗ 
geformten, weißen Hand über die Stirn, um ihm das 
Haar wegzustreichen. 
Magda stand hinter ihrer Mutter und betrachtete ihn 
noch immer mit großen Augen. Er erschien ihr mit einem 
Mal ganz anders, als sonst. 
„O,“ sagte Frau Schwarz, „das tut er immer zu meinem 
großen Kummer. Die Bücher verdrehen ihm den Kopf, 
er will durchaus ein Dichter werden. Aber ich lasse ihm 
vorläufig seine Marotten, denn er übt sich dabei im Schrei— 
ben, das kann nur von Vorteil für ihn sein, wenn ich ihn 
irgendwo nach einem Bureau schicke, denn nach der Fabrik 
gehen, ist er zu schwach, und verdienen muß er doch 
bald.“ 
Ida warf ein. daß es ihrer Freundin dgerade ebenss
	        
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