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Drittes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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er sie, die Tochter eines ehrsamen Schneidermeisters, 
kennen und lieben gelernt. Emanuel war damals noch 
schöner als heute. Die Lebenslust pulsierte in seinen Adern, 
und sein Drängen und Streben nach Erfolg und Gunst 
der Menge schwellten ihm die Brust. Es kam die alte Ge⸗ 
schichte vom Vorurteile ehrsamer Philister gegen das „Ko—⸗ 
mödiantenpack'. Der Vater Dorotheas wollte von des 
Liebe eines „Grimassenschneiders“ zu seiner Tochter nichts 
wissen, falsche Scham der Liebenden hielt sie davon zurück, 
dem Handwerksmeister alles einzugestehen. Und als eines 
Tages Emanuel mit der Truppe weiter mußte, ward der 
armen Dorothea Schicksal für ewige Zeiten beschlossen. Um 
der Schande der Kleinstädter zu entgehen, entfloh sie heim— 
lich aus dem Elternhause. In Berlin wollte sie sich mit Ema⸗ 
nuel treffen. Man glaubte, sich in der Residenz eine sichere 
Existenz gründen zu können. Aber der Fluch des namen⸗ 
losen, herumziehenden Komödianten wurde auch hier zum 
Unheil zweier Menschen. Emanuels Eltern lebten selbst 
nur in bescheidenen Verhältnissen, konnten daher den beiden 
nicht viel geben. Dorothea gebar ein Töchterchen. Zwei 
Jahre lebten die Liebenden wie Mann und Weib zusam⸗ 
men, dann, als Not und Elend sich immer drückender fühlbar 
machten, der Vater Dorotheas sich nach wie vor hartherzig 
zeigte, begann sich in der Brust des Komödianten die Ge— 
wissenlosigkeit zu regen. Eines Tages packte ihn wieder 
die Wanderlust der spielenden und singenden Nomaden. 
Er verließ sein Weib, versprach, in der Ferne für sie zu 
sorgen, hielt aber nur zum Teil sein Wort. Und als er nach 
zwei Jahren wieder nach seiner Heimatstadt zurückkehrte, 
fand er die Spuren seiner einstigen Heißgeliebten auf dem 
Armenkirchhof vor, sein Töchterchen aber, das Pfand einer 
betrogenen Liebe, suchte er vergeblich. Man sagte ihm, 
wohlmeinende Menschen hätten es an Kindesstatt zu sich 
genommen. 
Im neuen Elend erschien ihm das Trost genug, um sich 
nicht weiter um sein eigen Fleisch und Blut zu bekümmern. 
Seine Eltern starben, er hatte kein Heim mehr, keine Stätte
	        
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