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Sechzehntes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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nächsten dann zu sagen: „Ich wünsche keinem Menschen 
böses, aber deiner Mutter müßte es im Leben so schlecht 
gehen, wie uns heute, das hat sie um dich verdient, mein 
armes, armes Wurm.“ 
Sie war in einer Stimmung, in der die Liebe zu diesem 
Kinde mit dem Fluche auf ihre Tochter stritt. Als sie sich 
auf einen Schemel gesetzt hatte und immer laut vor sich 
hin fragte, wo denn Merk bleibe, klopfte es draußen an der 
sKüchentür. Sie atmete auf, denn sie glaubte, daß es ihr 
Mann sei. Aber sie hatte sich getäuscht. Herein trat Herr 
Platzmann, der allgemein bekannte Steuer-Erheber, hinter 
ihm ein Fuhrmann. Ida wußte sofort, weswegen er kam. 
Das hatte auch noch gefehlt, daß man ihr die versiegelte 
Kommode, das letzte brauchbare Stück, welches sie hatten, 
fortnahm. Ob sie denn ganz und gar vergessen habe? 
meinte Herr Platzmann. Jetzt kam er nun, um zu holen. 
Sie habe ihm doch ganz bestimmt versprochen, das Geld 
für die rückständige Mietssteuer nach seiner Wohnung zu 
bringen. 
Ida war gereizt; ihr war schon alles gleichgiltig. Aus 
den Rippen könne man sich nichts schneiden, das wisse er 
doch, und das könne ein Blinder sehen, wie es um sie herum 
aussehe. Sie hätten nicht einmal so viel, um sich trocken 
Brot zu kaufen, viel weniger, noch Steuern zu bezahlen. 
Während sie das sagte, beschäftigte sie sich immer noch mit 
dem Kinde. Sie hätte laut aufschreien mögen und die 
ganze Welt dafür anklagen. 
Durch Grobheit erreiche man bei ihm nichts, sagte Herr 
Platzmann und fragte, ob sie jetzt noch bezahlen könne? 
„Nein, nein, nehmen Sie nur den alten Kasten, Reich— 
tümer wird er dem Magistrat nicht bringen. O, mein 
Kind, mein armes Kind,“ fuhr sie jammernd fort, „oh, 
oh —“, und schritt immer wilder durch das Zimmer, wobei 
sie wie eine Wahnsinnige die bebende Kleine an sich preßte. 
Und als sie nun sah, daß man Ernst machte, ihr das 
letzte gute Stück aus dem Hausle zu schleppen, traten ihr
	        
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