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Sechzehntes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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stammelnd über seine Lippen kam. Er faltete über der 
zusammengepreßten Mütze die Hände. So stand er da und 
sprach mit einer Stimme, die nicht heucheln konnte. Dieser 
Sohn sei sein Einzig und sein Alles. Nie habe er gelogen, 
nie vergessen, was er Vater und Mutter schulde. Wenn sie 
beide mal alt werden würden, dann könnten sie nur auf 
diese Stütze rechnen. Alle Welt habe gesagt, daß aus dem 
Jungen etwas Großes werde. Er sei ja nur ein schlichter, 
unwissender Kerl, der nichts von der Kunst verstehe, aber 
wenn er von jeher immer gesehen habe, wie sein Franz 
alles, was er einmal geschaut, ganz natürlich gezeichnet, 
dann habe er sich selbst sagen müssen, daß in dem Jungen 
etwas Apartes stecke. Jetzt nun finde sich die Gelegenheit 
zur Unterstützung vonseiten gewiß sehr respektabler Herren. 
Und wenn die nun erführen, was sein Sohn für einen 
schlechten Vater habe — —. Er konnte sich bei diesen Worten 
nicht mehr halten, er weinte. 
„Nicht wahr, Herr Leutnant, Sie werden doch nichts 
davon schreiben, daß ich — Sie wissen ja, Herr Leutnant, 
ich meine, daß sein Vater schon zweimal im Gefängnis ge⸗ 
sessen hat, einmal sogar wegen Totschlags? Nicht wahr? 
Sie würden sonst den Jungen mit ganz anderen Blicken be— 
trachten, die Herren dort, und ihm alles verweigern.“ 
Merk vergaß sich. Er griff mit beiden Händen nach 
der Hand des Beamten, drückte sie fast inbrünstig, neigte 
sich nieder und küßte sie. Wenn man ihm jetzt wirklich einen 
Fußtritt gegeben hätte, — er würde die Hand nicht los— 
gelassen haben, bevor man ihm seine Bitte gewährt hätte. 
„Nun — nun — wir werden ja sehen.“ Der Leut⸗ 
nant wehrte ihn ab, aber seine Stimme klang milde, seine 
Augen hatten sich gesenkt, denn er vermochte nicht, in diesem 
Augenblick dem Mann ins Gesicht zu sehen, den er am Tage 
vorher noch wie einen Verbrecher behandelt hatte. 
„Gehen Sie nur jetzt, Herr Merk, und schicken Sie 
mir heut' abend Ihren Sohn her, oder morgen mittag 
spätestens.“ Er erhob sich und begleitete den Eisendrehet
	        
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