Path:
Fünfzehntes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

372 — 
unterwerfen, die in dem Grade anhält, als die betreffende 
Person besonderes Interesse erweckt. Aber noch ist die Neu⸗ 
gierde zu gering, denn noch fehlen die Theater⸗Habitusés, 
noch läßt das Premieren⸗Publikum von Distinktion auf sich 
warten, das kurz vor Beginn der Vorstellung erst herein— 
zuschwirren pflegt. Die sich bis jetzt eingefunden haben, 
sind jene seltenen Theaterbesucher, denen ein Abend wie 
der heutige ein Ereignis ist: Kleinbürger, ehrsame Philister⸗ 
leute, die immer in der Befürchtung leben, niemals einen 
guten Platz zu bekommen, und deswegen mit Beharrlich- 
keit und lammfrommer Geduld von der Kassenöffnung bis 
zum Beginn der Vorstellung ihren Sitz wie eine teuer er⸗ 
kaufte Festung behaupten. Dazwischen tauchen Provin⸗ 
zialen auf, denen man den Landbewohner oder Kleinstädter 
am roten, wohlgenährten Gesicht, am Habitus des Reisen⸗ 
den und am riesigen Opernguckerfutteral ansieht, das sie, 
wie eine lederne Offerte für Bauernfänger, an mächtigen 
Riemen um die Schulter geschlungen, von früh bis spät mit 
sich herumtragen. Sie wissen nie recht, wo sie ihre Hände 
lassen sollen, drehen und wenden sich nach allen Seiten, 
recken den Hals bei jeder Gelegenheit, lernen den Theater⸗ 
zettel auswendig, und sehen alle fünf Minuten nach der Uhr. 
Eine Viertelstunde später beginnt das Theater sich zu 
füllen. Das Klappern der Sitze erreicht kein Ende, und das 
Rauschen der Kleider, das Geräusch des Drängens durch die 
langen Reihen erleidet keine Unterbrechung. Die Gas— 
flammen, der riesige Kronleuchter hoch oben an der Decke 
strahlen jetzt eine blendende Helle aus, die anheimelnd 
wirkt. Allmählich nehmen auffallende und glänzende Er— 
scheinungen die Blicke der Anwesenden gefangen. Das 
Premieren⸗Publikum hat sich versammelt, das sagt alles. 
Seltene Gäste haben sich eingefunden, die sonst wenig dieses 
weit entlegene Theater besuchen, es heute aber der Muhe 
für wert gehalten haben, in Equipagen und Droschken den 
Weg vom Zentrum und Westen Berlins nach hier zurück⸗ 
zulegen: Bankiers, Börsenmenschen, reiche Fabrikanten, 
bekannte Künstler und Schriftsteller, denen es ein Bedürfnis
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.