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Fünfzehntes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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Den Weinbergsweg hinauf zum größten Theater Ber—⸗ 
lins rollte Droschke auf Droschke. Es war ein richtiges 
Theater wetter. Ein feiner Regen rieselte herab und hatte 
den trockenen Wintertag zu einer einzigen, prickelnden, 
feuchten Nebelwolke gestaltet, welche sich undurchsichtig 
immer aufs neue vom Himmel herabzuwälzen schien, um 
in den Nerven ein unbehagliches, fröstelndes Gefühl zu er— 
wecken. An solchen Abenden lockt der trügerische Schein 
der Bretter, welche die Welt bedeuten, doppelt. Es bietet 
etwas verführerisch Anheimelndes, plötzlich aus der durch— 
schauernden, naßkalten Luft die hellerleuchteten und strah— 
lenden Räume des Musentempels zu betreten, in dem schon 
die Atmosphäre etwas von dem Reize geheimnisvollen 
Komödiantentums enthält. 
In den Foyers, in den Räumen der Garderoben be— 
ginnt ein Nesteln nach Entledigung der schützenden Um— 
hüllung, nimmt ein allerletztes flüchtiges Ordnen der 
Toilette seinen Anfang, werden Blicke in den Spiegel ge— 
worfen, herrscht jenes eigentümliche Leben und Treiben 
einzelner Gruppen, in dem das Rauschen der Kleider, das 
Knistern eleganter Stoffe das hauptsächlichste Geräusch 
bilden, das nur hin und wieder durch laute Stimmen 
unterbrochen wird, sobald sich Bekannte begrüßen und der 
Begegnung hier sich erfreuen. Und nun eilt man den Türen 
des Parketts und der unten liegenden Logen zu und be— 
steigt die Treppen, die zum ersten Rang führen. Noch ist 
der Riesenraum spärlich besetzt, denn es ist erst nach halb 
sieben. Mattes Licht herrscht, das wie ein Dämmerungs⸗ 
schleier das Theater durchzieht und den auf den Balkons 
noch vereinzelt sitzenden Personen das Gepräge undeutlichen 
Erkennens gibt. Das Flüstern des einzelnen erstirbt in der 
großen Leere und stört die Stille nicht. Nur durch lautes, 
sich von Minute zu Minute wiederholendes Klappen der 
Sitze, Offnen und Zuschlagen der Logentüren wird sie 
unterbrochen. Dann richten sich die Blicke der Anwesenden 
nach jener Seite. Das Theaterglas wird an die Augen ge—⸗ 
führt, um die Neuangekommenen einer Vesichtigung zu
	        
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