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Vierzehntes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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steifes Oberhemd, das ihm in dem blechartigen Zustande 
ungemein viel zu schaffen machen mußte, denn alle Augen— 
blicke hatte er daran zu glätten, zu ziehen und zu rücken 
und mit den Fingern nach dem Hals zu fassen, als säße 
ihm da eine Schneide, die ihre Spuren zurückzulassen suchte. 
Ein moderner Stehkragen strebte nach den Wangen empor, 
und eine im herrlichen Grün prangende Krawatte hing lang 
herab. Er rauchte eine Zigarre, an deren bläulichen Rauch— 
wolken Christoph Zipfel bereits bemerkte, daß sie aus einer 
feinen Kiste stammen mußte. Und als der Budiker seinen 
Blick nach dem Riegel an der Wand richtete, bemerkte er 
auch einen Zylinderhut. Zipfel lachte. Der lange Kaul— 
mann mit einem Zylinder — wenn das noch nichts war, 
dann sollte man ihn einfach mit der ganzen Weltgeschichte 
zufrieden lassen. O, und da zeigte sich auch auf der Weste 
eine glitzernde, stählerne Uhrkette, an der wahrscheinlich 
auch eine neue Uhr hing, denn Zipfel wußte, daß die alte 
längst bei Moritz Isidor Laib seligen Angedenkens ver— 
fallen war. 
„Bringen Sie uns doch zwei Glas Bayrisch und ein 
paar feine Liköre, Zipfel, aber von Ihrer Sorte, verstehen 
Sie, sonst gieße ich das Zeug weg.“ 
Zipfel war sofort Geschäftsmann. Wenn dieser bis— 
her arme Schlucker jetzt so großspurig auftrat, dann 
hatte er jedenfalls auch Geld in der Tasche. Also mußte 
man ihn wie einen ausgezeichneten Gast behandeln. 
„Einen recht feinen Schnaps willst du trinken, mein 
verehrter Freund? Da kann ich dir etwas ganz Ausge— 
zeichnetes geben, wirklich etwas, wonach du mit der Zunge 
schnalzen wirst. Ich meine ganz echten indischen Honig— 
Likör. Er wird sehr wenig geschenkt, lieber Freund, denn 
er ist teuer, das Gläschen fünfzehn Pfennig. Ich weiß 
also nicht —“ 
„Her damit,“ fiel der Kesselschmied großartig ein. 
„Bring' nur gleich die ganze Flasche, die machen wir leer. 
Berstehst du? Alles auf meine Kosten. Heute soll's lustig
	        
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