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Dreizehntes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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in ein tiefsinniges Nachdenken, als handelte es sich um 
eine heilige Menschenpflicht. Er gerate durch diese Ge— 
schichte in die unangenehmste Situation. Der Herr Baron 
werde sich noch entsinnen, daß nur der Drang, einem Freunde 
seines Neffen Felix einen ganz besonderen Gefallen zu 
tun, ihn dazu verleitet habe, den Vermittler in dieser Ange⸗ 
legenheit zu spielen. Er habe bestimmt geglaubt, daß der 
Leutnant die Wechsel am Fälligkeitstermine einlösen werde. 
Wie er sich nun wohl der Witwe seines „unvergeßlichen“, 
verblichenen Freundes gegenüber verhalten solle? 
„Unangenehme Situation, höchst unangenehme Situga⸗ 
tion für mich, Herr Baron. Hm —“ Er wolle aber der 
hochverehrten Frau Laib den Wunsch ihres Schuldners so⸗ 
fort unterbreiten. Da derartige Angelegenheiten, wie der 
Herr Baron wohl wissen werde, sehr pressierten, so würde 
er sich erlauben, nach einer Stunde wieder vorzusprechen. 
Damit empfehle er sich bis auf weiteres dem Herr Baron. 
Egon von Rollerfelde wußte, was für ihn auf dem 
Spiele stand. Er dachte sofort an Felix Rosenstiel, dessen 
Liebenswürdigkeit er ja damals die Vermittelung mit dem 
Wucherer zu verdanken hatte. Er machte sich also auf den 
Weg zu seinem zweifelhaften Freund. Der Bankier wußte 
natuͤrlich um die heikle Geschichte und steckte mit Tante 
Serene und Onkel Joachim unter einer Decke. Er hatte 
vorausgesehen, daß Rollerfelde vorläufig die Wechsel nicht 
einlösen würde. 
„Das steht schlimm, sehr schlimm, lieber Freund,“ sagte 
er in seinem alten kordialen Tone, um soviel als möglich 
aufrichtige Teilnahme zu zeigen. „Soweit ich diese Frau 
Laib kenne, ist sie eine sehr zähe, alte Dame, die gern auf 
ihrem Geldsack sitzt. Ich wuͤrde Ihnen gern aus der Ver— 
legenheit helfen, schließlich spielen lumpige siebentausend⸗ 
fünfhundert Mark keine Rolle, aber ich bin augenblicklich 
anderweitig so in Anspruch genommen, daß es mir beim 
besten Willen nicht möglich ist. Aber ich will in Ihrem In⸗ 
teresse sehen, was sich machen läßt. Das eine aber sage ich 
Ihnen gleich im Voraus; wenn dieser weibliche Geiz-
	        
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