Path:
Zwölftes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

327 
Schluchzen und Weinen, das unheimlich an seine Ohren 
drang. Mit ein paar Süätzen war er unten. Dann stieß er 
die Tür auf und trat, nach Atem ringend, gespensterhaft 
bleich ein. In der ersten Minute noch unterschied er in dem 
Halbdunkel die Personen. Er sah seine Schwester auf der 
Hutsche vor dem Bett sitzen, die Schürze vor das Gesicht 
haltend, und hörte sie laut schluchzen. Fräulein Dorchen 
stand am Kopfende und weinte ebenfalls, leise und unter⸗ 
drückt. Und hinter ihr standen ein paar andere Frauen, die 
er nicht erkennen konnte. Auf einem Stuhl vor dem Bett 
aber saß der Arzt und hielt die Hand seiner Mutter. Da— 
zwischen klang es aus den Betten her, wie die halb über⸗ 
irdischen Seufzer eines Sterbenden, die der niemals ver⸗ 
gißt, der sie einmal gehört hat. Weiter sah er nichts mehr, 
denn vor seinen Augen flimmerte es in allen Farben, dann 
legte es sich wie ein Flor über sein Gesicht. Seine Phantasie 
arbeitete so mächtig, daß er aus all diesem Schluchzen, all 
diesem Weinen, diesem Stöhnen und Seufzen nur die 
einzige, laute Anklage zu vernehmen glaubte: „Deine Mut⸗ 
ter stirbt, du kommst zu spät ! 
Er vernahm nur die leise Frage Dorchens: „Wo waren 
Sie so lange? Jetzt ist es zu spät!“ Dann lag er auch schon 
auf den Knieen vor dem Bett und schrie herzzerreißend: 
„Mutter! Mutter!“ Die Sterbende schien ihn noch zu er— 
kennen. Sie richtete sich mit ihrer ganzen Kraft auf, sah 
ihn mit einem halb gebrochenen Blick, der sich für ewig in 
seine Seele prägte, an, und streckte ihm die rechte Hand ent— 
gegen. Dann sank sie zurück, ein langgezogener, in einem 
Atemzug ausklingender Seufzer ertönte, und sie hatte aus- 
gerungen. Der Arzt stand auf. Alle traten an das untere 
Ende des Bettes, um der Toten ins Antlitz zu schauen. 
Dorchen drückte ihr die Augen zu, dann entfernte man sich 
still und schweigend, begleitet von dem Schatten des Todes. 
Oskar war allein mit seiner Schwester. Er weinte nicht 
mehr, stand hochaufgerichtet mit gefalteten Händen vor 
dem Bette und starrte auf die Verblichene. Da war eine 
Mutter gestorben, die nicht besungen werden konnte, weil
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.