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Zwölftes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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„Meine Mutter ist krank, sie liegt im Bett und kaun 
nicht ausgehen.“ 
Eine der Töchter stieß jetzt ihren Vater an. Vielleicht 
las sie etwas auf dem Gesichte Oskars, das ihr das sagte, 
was er verschwieg. Aber auf dem Antlitz des Alten zeigte 
lich ein verschmitztes Lächeln. O, so ein alter Fuchs wie er 
ließ sich nichts weismachen. Er kannte diese Ausrede schon. 
Da befürchtete man einen Abzug vom Gelde und schickte 
einfach einen anderen, in dem Glauben, daß dadurch die 
Sache glatt gehen würde. Er machte eine Handbewegung 
und brach jede fernere Unterhaltung mit den Worten ab: 
„Kommen Sie wieder, wenn's Geschäft auf ist, dann wollen 
wir weiter reden.“ 
Oskar hatte nichts mehr zu sagen. Er verbeugte sich 
höflich und ging mit dem Gefühle eines Menschen, auf den 
in einer einzigen Minute die Empfindungen so gewaltig 
einstürmen, daß ihm das Gehirn zu schmerzen beginnt. 
Dann befand er sich wieder auf der Straße. Er unterschied 
die Menschen nicht von einander, er hörte auch nicht die ver— 
schiedenen Tonarten des ihn umgebenden wogenden Lebens. 
Er vernahm nur ein gewaltiges Branden und Rauschen, 
ein Surren und Summen, das wie ein Gewirr von hun— 
dertfältigen Lauten sein Ohr berührte. Er ging weiter wie 
ein Trunkener, der nicht weiß, wo er sich befindet und rechts 
und links gegen die Passanten rennt. Er erblickte nicht die 
mit Prunk behangene Frau Serene Laib, die wie ein auf⸗ 
geblähter Pfau am Arme ihres knöchernen und lungen— 
pfeifenden Gatten daher kam; er sah auch nicht Herrn Felix 
Rosenstiel an ihrer Seite, der heute mit wahrhaft lamm— 
frommer Miene, in der Erwartung des baldigen Ablebens 
seines würdevollen Oheims, das zärtliche „Liebe Tante Se— 
rene“ zwei⸗, dreimal wiederholte. Oskar vernahm im 
Geiste nur das langgezogene, erbarmungswürdige Stöhnen 
einer Totkranken, die auf Medizin wartete. Sollte er nach 
Hause gehen, ohne die Mittel zu bringen, die über die ersten 
Tage hinaushülfen? Es schlug halb fünf. Um fechs Uhr 
wurde Baruchs Geschäft geöffnet; er konnte sich dann also
	        
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