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Zwölftes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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sein, ihr die Mäntel der letzten vierzehn Tage zu bezahlen. 
Ich habe das Arbeitsbuch mitgebracht.“ 
Herr Simon Baruch schien heute in besonders gereizter 
Stimmung zu sein. 
„Sie wissen, junger Mann, daß wir haben Feiertage. 
Sie werden haben gesehen, daß unten der Laden geschlossen 
ist. Kommen Sie wieder, wenn Geschäftszeit ist. Wie 
haißt, soll ich jetzt wissen, wie viel Mäntel geliefert hat Ihre 
Frau Mama? Die Geschäftsbücher sind unten, und da 
steht's schwarz auf weiß“. 
Er wußte ganz genau, daß es vier Mäntel zu fünf 
Mark das Stück waren, aber er zog es vor, allerhand Aus— 
reden zu machen, um sich in seinem Nichtstun nicht stören 
zu lassen. Und der edle Menschenfreund fuhr, durch das 
Kauen die Worte halb unverständlich hervorbringend, in 
einem Atem fort: 
„Aberhaupt, sagen Sie Ihrer Frau Mama, sie soll 
kommen selbst. Hab' ich da gehabt 'nen Arger mit dem 
letzten Mantel, der groß war. Hat die Dame, die ihn extra 
gekauft hat, allerhand Ausreden gehabt. Hat er nicht richtig 
gesessen, hat er Falten gehabt auf dem Rücken, die Ver—⸗ 
schnürung war nicht sauber genug. Hat sie gehandelt und 
gehandelt, bis ich habe verlieren müssen ganze sechs Mark. 
Wo bleibt's Geschäft, wenn man soll verkaufen unterm 
Kostenpreis ? Soll ich leiden darunter allein? Wenn ich bar 
Geld gebe für die Arbeit, will ich auch saubere Arbeit haben, 
sonst muß ich abziehen vom Lohn. Junger Mann, es tut 
mir leid, Ihnen das zu sagen, aber ich kann mir nicht helfen 
anders. Kommen Sie wieder, wenn unten der Laden auf 
ist. Werde ich Ihnen geben, wollen wir sagen die Hälfte. 
Und Sie werden so freundlich sein und sagen Ihrer Frau 
Mama, daß sie soll kommen selbst, damit ich mit ihr rede.“ 
Schwarz fühlte die Hitze in den Schläfen und empfand 
daß er fast wie ein Bettler betrachtet werde. Aber der Ge— 
danke, daß kein Geld im Hause sei, daß die Leidende der 
Medizin bedürfe, beherrschte ihn. 
Wax Erezer, Die Verlommenen.
	        
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