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Zweites Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

18 — 
Gebäude führte. Mit der Zeit lernte sie die ganzen Eigen⸗ 
— 
in das Verhältnis eines guten Kunden zu einem Verkäufer. 
Schon bei ihrem dritten Gange nach der Gartenstraße stand 
es bei Herrn Moritz Isidor Laib fest, daß seine Propheten— 
gabe ihn nicht getäuscht habe. Diese Frau hörte gewiß 
vorerst nicht auf, Dinge, auf die sie noch Geld bekommen 
würde, herbeizuschleppen. 
Es kamen viele Arbeiterfrauen zu ihm, ein so appetit⸗ 
liches Weibchen wie Ida aber hatte er selten bedient. Herr 
Laib wagte es denn auch, gegen seine sonstige Gewohnheit, 
seine kleinen geröteten Augen recht lange auf Ida ruhen 
zu lassen, und wenn er dabei im Geheimen einen Ver— 
gleich zwischen dieser Frau und dem dicken Ungeheuer in— 
mitten der beiden Spinde dort hinten, anstellte, so kam die 
Dame mit der Baßstimme nicht besonders gut dabei fort. 
Aber Moritz Isidor hätte sich gehütet, seiner Gattin, die es 
nie begreifen konnte, wie man nur „aus Haut und Knochen“ 
zu bestehen vermochte, Veranlassung zu geben, ihn auf 
unerlaubten Wegen zu ertappen. Aber konnte er dafür, 
daß andere Frauen schöner waren als seine eigene? 
„Wie geht's Ihrem Mann, liebe Frau Mirk?“ pflegte 
der Rückkaufshändler im höchsten Falle zu sagen, wenn Ida 
das karierte Schaltuch auseinanderbreitete. Die Frau des 
Eisendrehers konnte natürlich mit einem Seufzer stets eine 
nur wenig gute Antwort geben. Herr Laib hatte dann 
kaum Zeit, mit seiner gewöhnlichen Phrase: „Es wird schon 
kommen, verlieren Sie nur nicht den Kopf,“ Ida zu trösten, 
als auch schon aus dem Wust von Schälen die Geschäfts— 
parole Frau Serenens hervorklang: „Gib nur nicht zu 
viel, Moritz, hörst du ?“ 
Am Abend eines jeden Sonnabends, wenn Werkstätten 
und Fabriken geschlossen waren, wurde der Raum vor dem 
Ladentisch gewöhnlich nie leer. Dann vermochte Laib 
allein das Geschäft nicht mehr zu bewältigen. So hatte er 
sich denn an solchen Tagen den Besuch eines Neffen seiner 
Frau ausbedungen, der noch die Schule besuchte, aber
	        
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