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Elftes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

2665 — 
„Nagda,“ begann er, „sage mir, ob du Leonhard gut 
bist oder mir.“ 
„Euch beiden bin ich gut,“ gab sie zurück. 
„Magda!“ 
Sie lachte. „Aber Oskar — 
„Bitte, sage es mir aufrichtig.“ Er hatte seinen Arm 
um ihre Taille geschlungen und preßte seinen Mund auf 
ihre Lippen, sodaß sie seinen heißen Atem verspürte. Was 
sollte sie antworten ?„Nur dir allein. Du sollst mein Schatz 
werden,“ sagte sie endlich. 
Aber sie lachte dabei wieder lustig, als fände sie das 
alles sehr heiter. 
Der Kuß, den sie jetzt bekam, brannte ihr wie Feuer 
auf den Lippen. Oskar war beseligt. Er vergab im Augen⸗ 
blicke seinem Freunde alles, was er ihm im Geheimen an— 
getan. 
An solchen glücklichen Abenden unten bei Schwarzens 
war auch Magdas Bruder Franz sehr häufig mit seinem 
Zeichenbrett anzutreffen. Er hatte es dem Interesse des 
Herrn Emanuel Sängerkrug zu verdanken, daß er Sonn— 
tags die Kunstschule besuchten durfte, wo er vortrefflich Fort⸗ 
schritte machte. Der Komiker erkundigte sich sehr haͤufig 
nach ihm und überzeugte sich von seinem Fleiß undStreben. 
Uberhaupt schien es, als lebten Merks jetzt mehr bei 
Schwarzens, als in ihrer eigenen Wohnung. Das machte, 
weil die Kinder gänzlich unter der Obhut der Mäntelnähe⸗ 
rin standen. Es war selbstverständlich, daß Ida dann oft 
den Kreis vermehrte. Sie sprach dann zu Flora nur von 
ihrem Mann. Zweimal hatte sie ihn im Gefängnis besucht, 
und immer war sie mit tränenden Augen zurückgekehrt. 
Er ließ alle herzlich grüßen und konnte nicht genug von 
den Kindern zu hören bekommen. Ida meinte, er sehe um 
zehn Jahre älter aus, und man habe ihn dazu angehalten, 
die Holzschnitzerei, die er immer mit Vorliebe getrieben 
hatte, gänzlich zu erlernen. In diesem Fache arbeitete er 
nun bereits in der Anstalt. Merk hatte noch ein halbes
	        
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