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Erstes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

14 — 
telnäherin warf einen scheuen Blick auf Ida, die gebückt 
das Geld einstrich; dann trat sie dicht an den Ladentisch 
und holte unter ihrem Schaltuch ein kleines dunkles Päck— 
chen hervor. 
„Ach, bitte,“ flüsterte sie, aber doch so laut, daß Frau 
Merk es hören konnte, „geben Sie mir auf dies Kinder— 
jäckchen zwei Mark bis Sonnabend, es gehört meiner Marie, 
sie soll es zum Sonnabend wieder haben.“ 
„Wir haben so viele Kindersachen, Moritz, gib nicht zu 
viel, du weißt, es kauft niemand solches Zeug,“ ließ es sich 
aus der Lücke zwischen den Spinden wieder vernehmen. 
„Aber Frau Laib, ich lasse es nicht hier, ich hole es 
bestimmt am Sonnabend, Sie können sich darauf verlassen. 
Es ist das Einzige, was meine Marie noch des Sonntags 
anzuziehen hat.“ 
Serenens Gatte hatte inzwischen unter fortwährendem 
Hüsteln das Jäckchen genau besichtigt. 
„Meine Frau hat recht,“ sagte er dann. „Wenn die 
Sachen verfallen sind, bieten die Trödler ein paar Gro⸗ 
schen für so'n Ding, oder verlangen es als Zugabe, und 
Sie wissen, Frau Schwarz, daß Sie nie etwas einlösen, 
oder doch nur in den seltensten Fällen.“ 
„Mein Gott, weil man es nicht kann. Bei meinem 
Verdienst ist niemals daran zu denken. Zum Leben ist es 
zu wenig und zum Verhungern zu viel,“ warf die Mäntel— 
näherin ein. Dieses Jäckchen aber werde sie bestimmt 
nicht hier lassen. Es sei ihr schwer genug geworden, so 
einem Kinde das Letzte zu nehmen, aber wenn man kein 
Brot im Hause habe, dann greife man zum Außersten. 
Man einigte sich dann auch. Flora bekam eine Mark 
und fünfzig Pfennige auf die Platte gezählt. Das sei 
gerade was Rechtes, meinte sie noch beim Gehen; dafür 
kaufe sie Brot und Schmalz, dann habe die Herrlichkeit 
wieder ein Ende. 
Die Schwarz hatte der Merk bis jetzt immer noch nicht 
ins Gesicht geblickt. Nun ging sie; hinter ihr folgte Ida 
Als die beiden Frauen auf dem Flur waren, rief Frau
	        
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