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Achtes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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großer treibender Gedanken. Die elementare Kraft drängte, 
bäumte sich auf, wollte das aussprechen, was sie empfand, 
und wälzte doch nur Chaos auf Chaos im Gehirn. 
Leonhard Sirach war der Ahleiter für den zischenden 
Strom in des Freundes Brust. Sein sanftesWesen milderte, 
wo Oskars stürmischer Charakterzug störend in der Harmo⸗ 
nie sich zu zeigen begann. Einer ergänzte des anderen 
fehlende Eigenschaften. Es kamen Tage, in denen ihre An— 
sichten auseinandergingen, in denen die Gegensätze sich so 
berührten, daß ein einziges Wort der Freundschaft für ewig 
ein Ende hätte bereiten können, aber dieses eine Wort 
wurde niemals gesprochen. Der Händedruck, mit dem sie 
schieden, war der treuherzige zweier Brüder. 
Eines Tages stöberte Oskar das Bücherbrett seines 
Freundes durch, als er Hugo Kegels Gedichte in die Hände 
bekam. Er blätterte in dem Buche und las folgende Verse, 
die ihn ungemein sympathisch berührten: 
„Du bist vom Volke Zsrael, 
Ich der Getauften einer, 
Und doch war kaum ein Freundschaftsbund 
Harmonischer und reiner! 
Wir hatten beide eine Religion, 
In der die Getrennten sich fanden, 
Wir glaubten beide an einen Gott, 
In dem wir uns immer verstanden. 
Und diese herrliche Glaubenslehr' 
War Menschenwürde und Wahrheit, 
Und unser Gott war der Weltengeist 
In seiner unendlichen Klarheit. 
Nicht Priesterwort, nicht Orgelton 
Hat diese Lehr' uns verkündet: 
In unserm eigensten Denken war 
Von jeher tief sie begründet 
Und scheid' ich auch heute und zieh ich von dir 
Und drück' ich zum Abschied die Hand dir, 
Es bleiben, bis in der Üürne verkohlt 
Das feurige Leben, verwandt wir.
	        
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