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Siebentes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

189 — 
Wagda rieb sich noch immer die Augen, sie schauerte 
aufs neue zusammen und hauchte in die eiskalten Hände, 
um sie zu erwärmen. Dann starrte sie eine Minute vor 
sich hin, noch immer mit brennendem Hirn. Welch sonder⸗ 
barer Traum war das gewesen, der ihr wie ein Teil von 
wirklich Erlebtem schien? Sie weinte heiße, große Tränen, 
wie sie ein Mensch weint, dem Brust und Herz zerspringen 
wollen. 
Magdas Sinne verwirrten sich plötzlich, ihre klaren 
Vorstellungen verschwanden, vor ihren Augen nahm alles 
andere Form, andere Gestalt an, ihr Körper war halb er— 
froren und ihr Gemüt erschüttert; und jetzt peinigte sie 
auch der Hunger, der entsetzliche, hohlblickende Hunger, und 
machte sie matt und geistig willenlos. Und in dieser Er— 
starrung ihrer Glieder, in dieser Erschütterung des Gemüts, 
in diesem dumpfen Rollen des Hungers, überkam sie eine 
tolle Phantasie, die aus der gemeinen, körperlichen Welt 
die Hirngespinste und Einbildungen einer Fieberkranken 
macht. Um sie her begann sich alles im rasenden Wirbel 
zu drehen, die Augen verkleinerten sich und spiegelten sich 
in einem verklärten, überirdischen Bild. Der weiße, kalte 
Erdboden wurde zu einer Wolkenschicht voll warmer, röt⸗ 
licher Farben, und der armselige Schimmer der Laterne 
zu einer Flut helleuchtender Strahlen, hinter der ein Meer 
des Lichts sich ausbreitete. Nur das endlos sich hinziehende 
Dunkel der Straße war dasselbe geblieben, aus dem sich 
alles blendend abhob. Und inmitten dieses Lichtglanzes er⸗ 
blickte Magda das Antlitz ihrer Mutter, die händeringend 
nach ihrem Kinde rief. Magda murmelte leise, holb über— 
irdisch, halb unhörbar: „Mutter, bete für mich.“ Wie ein 
Seufzer der Erlösung klang es von ihren Lippen; dann 
sank ihr blasses Gesicht hinüber, ihr Körper verlor seinen 
Halt, und die schauerliche Winternacht raubte ihr die Be— 
sinnung. 
In der Ferne tauchte eine Gestalt auf, die abwechselnd 
singend und laut sprechend näher kam. Das war der große 
Salon⸗Komiker Herr Emanuel Sängerkrug, der, bezecht,
	        
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