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Erstes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

9 — 
hatte ihr Mann nicht ausgesehen in diesem Anzug, wenn 
sie des Sonntags Arm in Arm mit ihren Kindern hinaus 
nach dem Gesundbrunnen pilgerten, oder den weiten Weg 
bis zum Tiergarten nicht scheuten. Im Augenblick standen 
ihr diese Bilder wieder vor der Seele— 
Endlich faßte sie Mut und schritt die Stufen empor. 
An der schweren, eisenbeschlagenen Doppeltür war ein 
kleines Schild befestigt, auf dem zu lesen war: „Moritz 
Isidor Laib. Von Morgens 8 bis Abends 9 geöffnet.“ 
Als Ida eingetreten war, sah sie einen großen, lang⸗ 
gestreckten Raum vor sich, dessen größere Hälfte mit Sachen 
aller Art überfüllt war. Übereinander getürmte Möbel, 
ganze Wirtschaften, die nach und nach ihren Weg hierher 
genommen hatten, verdunkelten zwei Fenster des Zimmers 
und ließen nur durch das dritte Licht genug hereinfallen, 
um eine Art Gang, welcher von der Tür aus bis zu diesem 
Fenster führte, notdürftig zu erleuchten. Die Dauer der 
Zeit, die nach und nach den Ruin ganzer Familien hier 
angehäuft hatte, machte es nötig, jede leere Stelle in diesem 
übelriechenden Raume auszufüllen. An den Wänden 
hingen unzählige Uhren aller Art, deren jede irgend eine 
trübe Geschichte zu erzählen hatte; dazwischen Bilder und 
Spiegel, letztere prunkend in Goldrahmen, bis zum ein⸗ 
fachsten, der noch Wert genug hatte, um für wenige Gro⸗ 
schen als Versatzartikel zu dienen. Und die Decke war 
angefüllt mit Koffern, Reisekörben und mannigfach anderen 
Dingen. Links führte eine Tapetentür zu einem zweiten 
Raume, der in seinem Labyrinth von Frauenkleidern, 
Röcken, Westen und Hosen, die dichtgedrängt an Riegeln 
und von der Decke herabhingen, beim ersten Anblick wie 
eine undurchdringliche schwarze Masse erschien, die eine 
stumme Sprache von Not, Leichtsinn und Elend redete. 
Ida befand sich vor einem Stück Ladentisch, das links 
vor der Tapetentür eine Klappe zeigte. Vor dem Tisch 
standen einige alte durchlöcherte Rohrstühle, worauf man, 
ehe man abgefertigt wurde, Platz nehmen durfte. Zwischen 
zwei Spinden, wie vergraben in einem riesigen Korbstuhl
	        
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