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Sechstes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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gedacht, die sich über kurz oder lang in manchen Dingen 
sehr geändert haben würde. Nicht umsonst hatte er drei 
Jahre in dieser Familie ausgehalten und oft mehr, als man 
zu beanspruchen hatte, zu ihrem Fortkommen beigesteuert. 
Nun lagen sie da unten im kalten Keller gebettet, während 
er sich bei einem Nachbar eingemietet hatte. Auch jetzt noch 
hatte er sich vorgenommen, sie nach Kräften zu unterstützen. 
Das Mädchen wollte in Dienst gehen, und er wußte nichts 
davon? Im Augenblick gab das seinen Gedanken eine ganz 
andere Richtung. Er hatte die Empfindung, als sollte etwas 
vor sich gehen, was auch in sein bisheriges Leben eingreifen 
werde und wobei er ein Wort mitzusprechen habe. 
Wohl manchmal hatte er daran gedacht, daß die Zeit 
herangerückt sei, wo Rosa ihre Schritte nach der Fabrik 
lenken müsse, um ihren Unterhalt selbst zu verdienen, aber 
ganz zu fremden Menschen zu ziehen und von früh bis spät 
Magd zu spielen, das hätte mit seinen Anschauungen als 
freier Arbeiter, der ein Fabrikmädchen höher als einen 
Dienstboten stellte, nicht übereingestimmt. Im ersteren 
Falle hätte er sie doch jeden Tag vor Augen gehabt, hätte 
sich um ihr Wohl bekümmern koͤnnen, sie hätten sich des 
Abends getroffen und wären sich so leicht nicht entfremdet 
worden; im anderen Falle aber wären sie sich auf unbe⸗ 
stimmte Zeit aus den Augen gekommen, und er hätte nicht 
gewußt, was sie treibe und mit wem sie sich in ein Verhält⸗ 
nis einlasse. 
„Rosa,“ rief er plötzlich, „komm' mal her.“ 
„Was denn, Langer?“ fragte sie. „Wollen Sie etwas 
zum besten geben? Spendieren Sie eine große Weiße 
zum Abendbrot. Ich nehme sie mit 'rüber.“ Sie lachte 
kurz und sah sich dabei nach Rosenstiel um, als wollte sie 
diesem bedeuten, wie wenig ihr an dieser Unterhaltung 
mit dem Arbeiter gelegen sei. 
Kaulmann fing diesen Blick auf und empfand eine 
fürchterliche Wut, die er nicht bemeistern konnte. Er faßte 
des Mädchens Handgelenk und raunte ihr gepreßt zu: 
„Was siehst du denn diesen Judenbengel fortwährend an?
	        
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