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Sechstes Kapitel

Full text: Die Verkommenen (Public Domain)

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vorruft, enthält einen prickelnden Reiz, der, wie in allen 
belebten Straßen Berlins, so auch in der Potsdamerstraße 
zu empfinden ist. Ein solcher prächtiger Tag, an dem die 
Menschen mit geröteten Gesichtern, den heißen Atem sicht— 
bar von sich stoßend, warm eingehüllt, in Scharen über den 
knirschenden Schnee durch die Straßen tänzeln, gleichsam 
als hätte nach langer, unangenehmer Witterung die Früh— 
lingssonne sie herausgelockt, war jener Tag, der als zweiter 
dem Abend gefolgt war, an dem der blutige Vorfall in der 
Gerichtsstraße die ganze Umgegend derselben in Aufregung 
versetzt hatte. 
Es war nachmittags zwischen drei und vier Uhr. In der 
Nähe der Potsdamerbrücke jenseits des Kanals inmitten 
von Sammetypaletots, Pelzverbrämungen und sonstiger 
eleganter Winterhüllen, die mit reizenden Frauengesichtern 
versehen, die Straßen belebten, tauchte auch die Gestalt 
des Herrn Joachim Joachimsthal auf, dessen kurze, behäbige 
Figur in einem Kaisermantel steckte, der wie ein Kaftan 
seine Beine umschlenkerte. 
Der große Journalist und Wechsel⸗Kommissionär befand 
sich heute wieder in einer sehr drolligen Verfassung, wo 
er an jeder nächsten Straßenecke nach der Straße suchte, 
in welcher er sich befand. Es soll damit nicht gesagt sein, 
daß das wandelnde literarische Bureau für die Romane 
Frau Selmas, diesen Zustand den Einwirkungen gewisser 
leicht erhitzender Getränke zu verdanken hatte — im Gegen⸗ 
teil, der würdige Herr Joachimsthal würde niemals in 
diesen Verdacht gekommen sein, aus dem einfachen Grunde, 
weil er mit bewunderungswürdiger Konsequenz den Ge— 
nuß von Wein, Bier und Schnaps vermied; aber Frau Se— 
renens Bruder fröhnte einer anderen Leidenschaft, die 
ihn in demselben Grade gewissen Hausfrauen als leibhaf⸗ 
tiges Schreckgespenst erscheinen ließ, wie sie ihn seinen nä— 
heren Bekannten aus literarischen Kreisen zu einem höchst 
drolligen Kauz machte. 
Wie es Menschen gibt, die sich betrinken, so gibt es 
auch solche, die sich „beessen‘. Herr „Doktor“ Joachim 
wiaar Krezer. Die Nersonmenen., 8
	        
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