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Achtes Kapitel

Full text: Drei Weiber / Kretzer, Max (Public Domain)

306 — 
„So. Woher wissen Sie denn das so genau? Meine Frau 
wird Ihnen doch nicht sagen, was sie tut und unterläßt.“ 
Als er nun Linas Verlegenheit bemerkte, sagte er sich sofort, 
daß gegen ihn irgend etwas im Spiele sei. Und da er überhaupt 
keine besondere Hochachtung vor der Aufrichtigkeit und Selbst— 
losigkeit von Zofen hatte, überdies wußte, daß das Mädchen 
seiner Frau sehr zugetan war, so wählte er den Weg aller 
Diplomaten, das heißt, er begünstigte die fremden Interessen, 
um seine eigenen desto sicherer zu erreichen. Es fielen ihm 
einige bedeutsame Einzelheiten aus dem Familienleben dieses 
sparsamen Mädchens ein, die er bei Gelegenheit aus dem 
Munde seiner Frau vernommen hatte. 
„Sie haben eine Mutter, die Sie unterstützen, nicht wahr?“ 
„Ganz recht, Herr Assessor. Sie ist —“ 
„Alt und immer kränklich, — ich weiß schon, liebes Kind“, 
unterbrach er sie lächelnd in parodistischer Manier. Er rückte an 
seinem Kneifer, zog die Börse hervor und fuhr fort: „Hier, 
dieses kleine Goldstück schenke ich Ihnen, senden Sie es der 
alten Frau, — — lassen Sie nur, ich will keinen Dank ... 
Nun sagen Sie aber die Wahrheit. Wer hat den Brief ab— 
genommen?“ 
„Wenn der Herr Assessor mir versprechen wollen —“ 
„Mein Wort, daß Ihnen keine Unannehmlichkeiten er— 
wachsen sollen.“ 
Lina war ein kleines zierliches Persönchen mit goldblondem 
Haar und allerliebstem Gesicht. Neukirchs Blick ruhte mit Wohl⸗ 
gefallen auf ihrem Antlitz und ihrer keck hervortretenden Büste; 
und in seinem Innern bedauerte er lebhaft, daß ihm der Him— 
mel das Unglück beschieden hatte, zu dieser reizenden Kammer— 
katze in Schicklichkeitsbeziehungen zu stehen, die es ihm un— 
möglich machten, den Beweis für das ewige Verlangen seines 
Herzens zu erbringen. 
Er strich sich wohlgefällig seinen anerkannt schönen Schnurr— 
bart, lachte die Kleine keck an, so daß seine weißen Zähne sich 
zeigten, und dachte an jene Zeit, als die reizende Olga zum 
erstenmal ebenso mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand 
und das erste Goldstück entgegennahm.
	        
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