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Siebentes Kapitel

Full text: Drei Weiber / Kretzer, Max (Public Domain)

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Herrn vom Unterrock namentlich sah man es an, daß der 
heiße Tee mit Rum viel dazu beigetragen hatte, ihn seinen 
Platz in unmittelbarer Nähe der Frau Scholz wählen zu lassen. 
Endlich saßen sie so dicht beieinander, daß sie sich gegenseitig 
die allerherzlichsten Dinge zuflüstern konnten. Die hübsche 
Witwe entfaltete alle jene kleinen Koketterien, mit denen eine 
kluge Frau vortrefflich zu operieren versteht, wenn es sich 
darum handelt, einen leicht erregbaren Mann in ihre Netze 
zu ziehen. 
Nachdem sie es bereits so weit gebracht hatte, den Ge— 
heimen Regierungsrat wieder als völlig unabhängigen Jung- 
gesellen zu sehen, hatte sie es sich zur Hauptaufgabe gemacht, 
ihrem Cousin eine Stellung im Ministerium des Herrn vom 
Unterrock zu verschaffen. Dieser rätselhafte Cousin, der bei 
jeder Gelegenheit von der hübschen Frau ins Treffen geführt 
wurde, machte auf die Dauer dem Geheimrat viel zu schaffen. 
Im Laufe des Gesprächs stellte er allerlei Fragen, die sich um 
Namen, Alter und Aussehen des Herrn Cousin drehten. Als 
Frau Scholz inne wurde, daß hinter seiner Neugierde ein tie— 
feres Motiv sich verberge, amüsierte sie sich nicht nur im ge— 
heimen köstlich darüber, sondern sie beschloß auch, diese keimen— 
den Eifersüchteleien ganz gehörig auszunützen. 
„O, er ist ein höchst liebenswürdiger junger Mann von bei— 
nahe klassischer Schönheit“, begann sie gleichgültig, indem sie 
anscheinend aufmerksam ihre Uhrkette betrachtete, in Wahrheit 
aber unter ihren langen, seidenen Wimpern hervor einen ras chen 
Blick auf das Gesicht des Geheimrats warf, dem schon das bloße 
Lob des geheimnisvollen Cousins wie ein Verbrechen an seiner 
Liebe erschien. 
„Er ist aus guter Familie, hat eine Zeitlang studiert, mußte 
aber sein Studium durch die Not gezwungen einstellen. Als— 
dann hat er die Subalternbeamtenlaufbahn eingeschlagen und 
ist augenblicklich als Bureaubeamter beim Polizeipräsidium be⸗ 
schäftigt. Sein Ehrgeiz geht aber dahin, irgend eine Geheim— 
sekretärstelle in einem Ministerium zu erlangen. Offen ge— 
standen, lieber Herr Geheimrat, und im Vertrauen gesagt: der 
junge Mann wird mir lästig, ich möchte ihn los werden, denn 
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