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Siebentes Kapitel

Full text: Drei Weiber / Kretzer, Max (Public Domain)

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in jenes Stadium getreten, wo man bereits mehr an Trennung 
als an Zusammenleben denkt. Sein Wunsch nach einem Kinde 
war nicht in Erfüllung gegangen. So fehlte also auch jenes 
Band, das allein imstande ist, gewisse Mißklänge zwischen Mann 
und Frau weniger fühlbar zu machen. So suchte er also, da 
er nichts vorfand, was ihn an das Haus zu fesseln imstande 
war, allerlei Zerstreuungen auf, die er hauptsächlich zwischen 
Frieda und Olga teilte. Zog ihn zu Olga, die er in einer Vor⸗ 
stadtstraße eingemietet hatte und völlig aushielt, außer ihrer 
Jugend und Begehrlichkeit eine gewisse moralische Verpflich- 
fung (sie war die Mutter eines Knaben geworden), so fesselte 
ihn an Frieda die Gesellschaft und die alte raffinierte Koket- 
terie, mit der sie ihn immer noch in ihre Netze zu ziehen wußte. 
Ganz abgesehen von der Geldfrage, die ihn fortwährend in 
ihre Nähe brachte und bereits anfing, ihn unangenehm zu be⸗ 
schäftigen, denn die Geheimrätin vergeudete mit vollen Händen 
und erinnerte ihn nur zu oft daran, wie viel er ihr zu danken 
habe. 
Was ihn aber nicht zuletzt dazu trieb, das Haus in der Pots⸗ 
damer Straße aufzusuchen, war die Hoffnung, eines Tages Mar⸗ 
garete von Lambert vorzufinden. Er hatte ihr Bild aus Herz 
und Gedanken nicht zu bannen vermocht. Sie war gleichsam 
der Quell einer wirklich reinen Empfindung, der ihn durch— 
strömte und ihn der gemeinen Wirklichkeit entrückte. Tauchte 
im Geiste ihre züchtige Gestalt mit dem Kindesantlitz auf, so 
kamen Stunden, in denen er sich seiner von entnervender Ge⸗ 
nußsucht angefressenen Existenz, die ihm keinen Frieden mit 
seinem Innern brachte, bewußt wurde. Ekel vor sich selbst er⸗ 
faßte ihn dann; zum erstenmal dachte er an ein bescheidenes, 
stilles Glück an der Seite eines Wesens, das ihn zu begreifen ver⸗ 
möchte und imstande sei, ihn einem besseren Leben zuzuführen. 
In solchen Augenblicken trat das Gespenst seiner unglück— 
lichen Ehe riesenhaft groß vor die Seele und rief ihm mit 
höhnischem Lächeln das Wort zu, das die Tragödie seines 
jämmerlichen Daseins enthielt: „Gefesselt!“ 
Ja, er war an ein Weib gefesselt, das er nicht liebte, dessen 
Geld er aber verbrauchte; von dem abhängig zu sein er doppeli
	        
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