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Sechstes Kapitel

Full text: Drei Weiber / Kretzer, Max (Public Domain)

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In der Druckerei machte das Personal große Augen, als 
die ganze Gesellschaft im Gänsemarsch die ausgetretenen Stufen 
herunterstolperte und sich bei Papierballen und schmutzigen 
Schemeln vorbeiwand, um behutsam ihrem Führer zu folgen. 
Gelächter und Gespräch gingen unter in dem Getöse der Ro— 
tationsmaschine, deren Treibriemen sich mit fürchterlicher 
Schnelligkeit drehten und jeden Uneingeweihten zwangen, sich 
in einer gewissen Entfernung zu halten. 
Die übernächtigten Gesichter der Maschinen- und Falz⸗ 
mädchen bildeten einen schneidenden Gegensatz zu den über⸗ 
mütigen Herren, die direkt von der Weinflasche kamen, um mit 
erhitzten Köpfen, voll rosiger Gedanken, ein Stück sozialen 
Elends zu sehen. Die mageren, von ewiger Arbeit gebeugten 
Gestalten der Arbeiterinnen hatten längst die Fülle der Ju— 
gend verloren, die schmalen Wangen zeugten von der Entbeh— 
rung guter Speise und gesunden Schlafes. 
An einem Tisch, der sich längs der Wand hinzog, saßen die 
Falzerinnen und nahmen ihr Nachtmahl ein. Da die Maschine 
noch nicht genug Vorrat gegeben hatte, so stärkte man sich einst— 
weilen durch Kaffee, zu dem die mitgebrachten Stullen ver— 
zehrt wurden. Einige der Arbeiterinnen hatten es vorgezogen, 
die Zeit zur Ruhe zu benutzen. Das Gesicht über den ent— 
blößten und gekreuzten Armen auf den Tijch gesenkt, schliefen 
sie, fuhren aber, durch das Geräusch der Hereintretenden er⸗ 
wacht, zusammen und erhoben erstaunt die Köpfe. 
Neukirch, der sofort mit einem schnellen Blick die Mädchen 
gestreift hatte, meinte zu dem Major, es befinde sich keine unter 
ihnen, die ihn nur im geringsten reizen könnte; worauf Herr 
don Schichlinski, der die Bemerkung vernommen hatte, ein⸗ 
warf, daß manche blühende Dame der guten Gesellschaft, die 
er kenne, unter gleichen Verhältnissen sehr bald ihre wohl⸗ 
denährten Formen verlieren würde. 
„Es könnte auch gar nichts schaden,“ fügte er hinzu, „wenn 
ie eine derartige Schule einmal durchkostete. Vielleicht würde 
—— 
chöpfe blicken und ihrem zukünftigen Manne Gelegenheit geben, 
sie nicht bloß als Modepuppe zu betrachten.“ 
dreter, Drei Weihber
	        
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