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Drittes Kapitel

Full text: Drei Weiber / Kretzer, Max (Public Domain)

110 — 
„So denken die Philister,“ erwiderte Schichlinski. 
„Dann stellen Sie gefälligst die Welt auf den Kopf,“ ent⸗ 
gegnete der neue Caliban. 
„Das einzige Heil liegt in der Revolution von oben nach 
unten und von unten nach oben,“ warf der heißblütige Schlacht⸗ 
schitze ein. „Gesetzesgewalt und rohe Gewalt müssen sich ver— 
einen, um den Indifferentismus der Geldsäcke aus der Welt 
zu schaffen.“ 
„Das ist Ihre Ansicht,“ bekam er zur Erwiderung. 
Das Gespräch begann bereits erregt zu werden. 
„Ich glaube wohl die Ansicht aller vernünftigen Menschen,“ 
sagte der junge Journalist wieder. „Man muß eben eine neue 
Generation erziehen. Wir haben in unserer studierenden 
Jugend bereits dieses neue Element, das in dieser Beziehung 
deutsch zu denken beginnt —“ 
Ihre Unterhaltung wurde unterbrochen. Sie mußten ihre 
ganze Aufmerksamkeit auf die gegenüberliegende Seite der 
Straße richten, wo ein arger Krawall seinen Anfang genommen 
hatte. 
Ein Trupp Studenten war mit zwei jugendlich aussehenden 
Israeliten zusammengeprallt. 
„Dummer Judenlümmel!“ — „Sie Judenbengel!“ schallte 
es laut zu ihnen herüber. 
„Da haben Sie Ihre deutschen Studenten,“ sagte Doktor 
Gerechter mit beißendem Spott. 
Schichlinski erwiderte nichts. Alle vier waren stehen ge— 
blieben, um den Ausgang des Streites zu verfolgen. Es han⸗ 
delte sich um eine Prostituierte, die den beiden Semiten ihre 
Gunst zuteil werden lassen wollte. Die vorübergehenden Stu— 
denten hatten allerlei Bemerkungen gemacht. die man sich von 
der anderen Partei verbat. In der Stille des Morgens trug 
der Schall jedes gesprochene Wort mit verstärkter Kraft durch 
die Luft und gab es wie in einer hohlen Gasse wieder. Die 
nächtlichen Straßenreiniger unterbrachen ihre Tätigkeit, andere 
Nachtschwärmer umringten die Gruppe, und männliches Ge⸗ 
sindel zweifelhafter Art trennte sich von den Wagen der flie⸗ 
genden Händler und vermehrte die Neugierigen.
	        
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