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I. Teil V.

Full text: Wie Hilde Simon mit Gott und dem Teufel kämpfte / Landsberger, Artur (Public Domain)

Die Schwester, die bei Hilde wachte, mußte 
alle fünf Minuten nach dem Kinde sehen. Und 
wenn sie in das Krankenzimmer zurückkam, 
bestürmte Hilde sie mit Fragen, die kein Ende 
nahmen. 
Ihre Sehnsucht, das Kind zu sehen, war so 
leidenschaftlich und wuchs so ungestüm schon 
in den ersten Tagen, daß die Ärzte ihren Wider- 
stand aufgaben, dessen Gefahr sie erkannten, 
und ihr für den nächsten Tag, wenn sie die 
Nacht gut überstanden hätte, versprachen, 
ihrem Willen nachzugeben. „Das wäre am 
dritten Morgen. Also noch einmal vierund- 
zwanzig Stunden‘, dachte sie. „Wie soll ich 
das nur ertragen ?“ 
Und sie ertrug es nicht. Sie verstand es, 
nicht ohne Mühe, des Nachts erst die Schwester 
mit einer dringenden Mission zu dem Chi- 
rurgen, dessen Villa am „entgegengesetzten 
Ende des Anstaltsparkes lag, zu schicken. 
Der sandte sie dann die Amme, die sie ins 
Zimmer rief, und die, wie die meisten Ammen, 
ebenso gesund wie dumm war, nach, um sie 
zurückzuholen. Kaum war die draußen, als 
Hilde, ohne an sich zu denken, aus dem Bett 
stürzte, die Tür zum Nebenzimmer aufriß und 
ihr drei Tage altes Kind aus seinem Bettchen 
hob. Mit beiden Armen hielt sie es jetzt und 
sah ihm ins Gesicht. Sie stutzte. Ihre Augen 
blieben stehen. Starr und groß. Ihr Gesicht 
verzerrte sich. Sie riß den Mund weit auf; 
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