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I. Teil V.

Full text: Wie Hilde Simon mit Gott und dem Teufel kämpfte / Landsberger, Artur (Public Domain)

„Ein Mensch ist eben Künstler oder ist es 
nicht; das ist an sich ganz gleich, ob er malt, 
dichtet, Tennis spielt, reitet, Brautnacht feiert 
oder mit einer Kokotte im Separee zusammen- 
sitzt. Du wirst ihn überall mit Leichtigkeit 
herausfinden. Er wird jede Handlung, jedes 
Geschehnis in irgendein Verhältnis zu seinem 
künstlerischen Gewissen bringen, das ihn vor 
Geschmacklosigkeit bewahrt. Bei allen Dingen 
liegt der Unterschied allein im ‚wie‘, das ‚was‘ 
ist Nebensache. Und wenn die Menschen heute 
fast ausnahmslos nur das ‚was‘ beurteilen, ohne 
nach dem ‚wie‘ zu fragen, so zeigt das nur, 
daß unsere Zeit, wie sie unkünstlerisch ist bis 
auf die Knochen, so auch bis auf die Knochen 
materiell ist. Ein Erlebnis mit der verrohtesten 
Dirne kann sittlich ungleich höher stehen als 
ein Erlebnis mit der eigenen kirchlich und 
staatlich angetrauten Frau, ohne daß sich hier 
etwa obszöne Szenen abzuspielen und dort Be- 
kehrung und Wiedergeburt gefeiert zu werden 
brauchen.“ 
„Ich gebe zu, daß mancher das empfinden 
wird,“ erwiderte Helldorf, „aber aussprechen 
wird es keiner.“ 
„Und warum nicht?“ Weil es in unsere heu- 
tigen Begriffe von der Moral nicht hineinpaßt. 
Die Moral sollte der abstrakteste aller Begriffe 
sein und ist im Laufe der Zeit der konkreteste 
geworden. Vorsichtige Leute sagen auch längst 
nicht mehr: Dies oder das ist, sondern ver- 
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