Abgeordnetenhaus von Berlin - 6. Wahlperiode
42. Sitzung vom 8. Dezember 1972
1490
dieses Ergebnis nur möglich geworden durch die Politik
der Bundesregierung, die es ermöglicht hat, daß Besuche
von West nach Ost in erheblichem Ausmaß stattfinden.
(Abg. Wronski: Wofür diese Krücke alles
herhalten muß!)
— Ja, das ist aber doch ein Vorgang, der ganz verständ
lich ist. Wer wird denn von West nach Ost in jedem Jahr
ein halbes dutzendmal fahren, und umgekehrt, wer wird
denn von Ost nach West jedes Jahr seine Verwandten be
suchen? Machen Sie sich doch keine Illusionen. Wenn Sie
sich mal vorstellen, wie oft Sie Ihre Verwandten in der
Bundesrepublik besuchen. Das ist doch ein Vorgang, der
ganz verständlich ist und der — glaube ich — also auch
rechtfertigt, daß wir die 20 Mark Begrüßungsgeld, die
Berlin bisher bezahlt hat, für die Renovierung der Alten
heime einsparen, wobei wir die 30 Mark, die der Bund
zahlt, eben weiterhin zahlen werden.
Zu dem Kollegen Dach muß ich sagen, daß ich sehr ver
wundert bin. Er ist Abgeordneter aus dem Bezirk Kreuz
berg und sollte einiges aus seinem Bezirk wenigstens
wissen.
(Abg. Dach: Eben, eben!)
Und da scheint mir die Frage gerechtfertigt zu sein: Wo
bleibt denn, Herr Dach, der Liberalismus bei Ihnen, wenn
Sie vom Grundsatz der Freizügigkeit der Wohnungswahl
und von der Freizügigkeit der Wahl des Arbeitsplatzes aus
gehen ? — Und dabei wollen wir ja doch wohl auch weiter
hin bleiben.
Ich muß feststellen, daß auch der Kollege Dach offen
sichtlich nicht genau informiert ist über die Bemühungen,
die nicht nur der Senat durch einen Koordinierungsaus
schuß gemacht hat, sondern die auch Bezirke gemacht
haben, die wesentlich betroffen sind von dem Zuzug aus
ländischer Arbeitnehmer, daß er sich sehr bemüht hat
durch Werbung und Information sich mit den Ausländem
auseinanderzusetzen und sie über die deutschen Verhält
nisse zu informieren. Dies ist in sehr zahlreichen Gesprä
chen geschehen. Wenn hier noch keine befriedigenden
Lösungen erreicht worden sind, so liegt es sicher nicht an
den Bemühungen des Senats oder der Bezirksverordneten
versammlungen, sondern es liegt sicher ln der Natur der
Sache.
Es ist so, daß es eine Reihe von Punkten gibt, die immer
noch unbefriedigend sind; das sind erstens die unbefriedi
gende Wohnungssituation und die noch zu wenig vorhan
dene Kontrolle bei den Wohnverhältnissen und den Mieten.
Es ist zweitens eine zu geringe Kenntnis über die illegal in
Berlin wohnenden Ausländer. Das ist drittens die Notwen
digkeit, die berufliche Fortbildung der Ausländer zu ver
bessern, um ihnen Chancen zu geben, in einer besseren
Qualität ins Heimatland zurückzukehren, bzw. um über
haupt auch jungen Leuten die Chance zu geben, ein Lehr
verhältnis einzugehen. Das ist viertens natürlich das
Problem, daß sich die ausländischen Arbeitnehmer im
wesentlichen auf zwei Bezirke konzentrieren, wobei eben
der Bezirk Kreuzberg mit seinen 31000 Ausländem bei
160 000 Einwohnern wohl der stärkste ist, in denen sich
die ausländischen Arbeitnehmer konzentrieren. Und das ist
letztens schließlich auch — und hier ist sicher auch eine
Initiative des Abgeordnetenhauses notwendig —, daß wir
mehr Verständnis der Deutschen für die Ausländer
erwecken, als es bisher vorhanden ist.
Ich möchte zum Schluß noch einen Satz an Herrn
Diepgen richten, der gestern an dieser Stelle gesagt hat,
daß in der Schule nichts geschehen ist. Ich kann nur einen
Punkt, ein Beispiel hier angeben aus dem Bezirk Kreuz
berg, in dem ich beruflich tätig bin. Es ist in den letzten
zwei Jahren möglich gewesen, daß allein im Bezirk Kreuz
berg über 60 ausländische Lehrer für Türken und für
Jugoslawen angestellt werden konnten. Hierbei ist noch
nicht eingeschlossen die Zahl ausländischer Lehrer, die in
freien Lehrerstellen für deutsche Lehrer tätig sind; aber
ich nenne nur mal die 60. Fraglich ist im Bereich des
Schulwesens — das mögen Sie, Herr Diepgen, vielleicht
auch noch einmal bedenken —, ob es richtig und notwen
dig ist, daß an den Nachmittagen ausländische Schüler,
die von Konsulaten ausgewählt werden, von Konsulaten,
deren Heimatländer nicht die demokratische Struktur haben,
wie wir sie uns vorstellen, in einer Weise geschult werden,
die wir uns als Demokraten nicht gerade als wünschens
wert vorstellen. Insgesamt muß ich sagen, daß wir nicht
warten können auf das Ergebnis des Planungsteams — das
wird eine nützliche Grundlage für uns sein —, sondern
daß es uns natürlich nicht erspart bleiben wird, in dieser
Frage politische Entscheidungen zu treffen.
(Beifall bei der SPD)
Präsident Sickert: Das Wort hat Herr Abgeordneter
Dr. Heyden.
Dr. Heyden (CDU): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Sehr geehrter Herr Kollege Masteit! Ihre Argu
mentationen hier vorne haben mich also mm absolut nicht
überzeugen können, aber vielleicht war es auch gar nicht
so gedacht — hatte ich den Verdacht —, wenn ich mir Ihre
Rede richtig angehört habe.
Nun von den etwas grundsätzlichen Erklärungen ab, zu
einer ganz speziellen Problematik. Ich möchte mich in
meinen weiteren Ausführungen auf die Haushaltsstelle
425 11 im Haushaltsabschnitt 09 01 beschränken, und zwar
ist das die Haushaltsstelle für die Vergütung der nicht
planmäßigen Angestellten. Im Jahr 1972 standen dort im
Ansatz rund 8,4 Millionen, im Jahr 1973 ist der Ansatz
gesteigert worden auf 10,2 Millionen — eine nicht unerheb
liche Steigerung —; und um gleich von vornherein Mißver
ständnisse auszuschalten, möchte ich sagen: Wir begrüßen
durchaus, daß hier etwas für langfristig arbeitslose ältere
Arbeitnehmer getan wird. Aber der letzte Rest von
Zweifeln, ob dieser Ansatz wirklich auch nur für diese
Zwecke verwandt wird, ist bei mir jedenfalls augenblick
lich noch nicht ausgeräumt. Denn selbst die Antworten auf
die Kleinen Anfragen der Herren von Kekule, Meissner und
Rösler haben bei mir einen letzten Rest von Unbehagen
nicht ausräumen können, und zwar kommt das daher, daß
ein Teil der Betroffenen der CDU-Fraktion Flugblätter zu
geleitet hat und in diesen Flugblättern behauptet wird:
Hier werden Gelder zweckentfremdet. Nim muß man nicht
unbedingt diesen Flugblättern glauben. Aber ich glaube,
der Senat sollte hier von dieser Stelle aus ganz eindeutig
einmal Stellung beziehen und erklären, was es mit diesen
Behauptungen auf sich hat. Außerdem wird in den Flug
blättern angekündigt, daß ein Teil der Betroffenen sich
gerichtliche Schritte vorbehält. Und ich frage hier den
Senat: Haben diese Betroffenen gerichtliche Schritte ein
geleitet, und wenn ja, bei welchem Gericht und mit
welchem Erfolg? Kann darüber schon eine Aussage ge
macht werden? Allein die Schwere dieser Beschuldigung,
glaube ich, ist Begründung genug, daß man hier vom Senat
eine ganz klare und eindringliche Beantwortung dieser An
fragen verlangen kann. — Ich danke Ihnen.
Präsident Sickert; Das Wort hat Herr Abgeordneter
Dr. Behrendt.
Dr. Behrendt (CDU): Herr Präsident! Meine Damen und
Herren! Die Vielfalt der im Geschäftsbereich Soziales zu
bewältigenden Aufgaben und ihre zumeist gehobene Be
deutung würde es eigentlich rechtfertigen, verschiedene
Problemstellungen anzusprechen. Bei der Redezeitbeschrän
kung, die wir uns freiwillig auferlegt haben, möchte sich
die CDU-Fraktion auf die Darstellung einiger weniger
Problemkreise beschränken und diese gewissermaßen bei
spielhaft herausstellen.
So nimmt im Geschäftsbereich Soziales die Sorge um den
älteren Mitbürger nach wie vor einen breiten Raum ein. Bei
früheren Etatdebatten haben wir dieses immer wieder be
tonen müssen, und angesichts der unverändert gebliebenen
Schwerpunktsituation wollen wir auch heute wieder zu