Path:
Hilde

Full text: Babel-Berlin / Gruenstein, Josef Rudolf (Public Domain)

39 
daß von dieser Stunde an ein Schicksal sich aufrolle, daß 
nicht ihr allein zum Verhängnis werden würde. Die 
rasierten Gesichter der Schauspieler, die geschminkten 
Brauen und unteren Augenlider der Schauspielerinnen, 
wirkten auf Hilde in gewissem Sinne anheimelnd. Sollte 
doch ihr Leben unter diesen Menschen verlaufen. Ach, 
wenn es doch auch schon so weit wäre! 
Sie hatte unwillkürlich geseufzt, und der neben ihr 
sitzende Leutnant sah nach ihr. Taktvoll, wie er jedoch 
war, wollte er ihr nicht zeigen, daß ihr Seufzen ihm auf⸗ 
gefallen war, und er redete sie mit den Worten an: „Gnä— 
diges Fräulein gehören auch einer hiesigen Bühne an?“ 
„Leider noch nicht. Ich bin noch Schülerin von 
Frau Marzani.“ 
„Ach, ich verstehe. Daher die künstlerischen Be— 
ziehungen zu Freund Prokopius.“ 
Leutnant Mierzlinsky sagte das so einfach, so über— 
zeugt, daß es Hilde wohltat. 
Sie sah ihn genauer an, als sie sagte: „Sie waren 
bei der Aufführung seines ersten Stückes damals nicht 
zugegen?“ 
„Leider dienstlich verhindert gewesen.“ 
Leutnant Egon Graf von Mierzlinsky war 28 Jahre 
alt, von mittelgroßer Figur und dunkeläugig. Sein ova— 
les Gesicht war gebräunt, und das kleine schwarze Schnurr⸗— 
bärtchen sichtlich gepflegt. Er war nicht das, was man 
einen schönen Mann nannte, denn sein Antlitz trug mehr 
Energie als Milde zur Schau. Gewinnend auf den ersten 
Blick jedoch ist doch nur die durch die Züge leuchtende 
Herzensgüte. Wenn Egon aber sprach, dann gewann seine 
belebte Art. Und sein sanftes, tiefes Organ erhöhte den 
wohltuenden Eindruck. 
Hilde konnte nicht umhin, sich zu sagen, in ihrem
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.