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Hilde

Full text: Babel-Berlin / Gruenstein, Josef Rudolf (Public Domain)

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Auge nicht zu der reichen und gefeierten Tochter des 
Generals erheben. Auch wäre es Wahnsinn, zu glauben, 
er wäre ihr mehr als eine interessante Abwechslung in 
der Monotonie ihres, von der Etikette im Zwang ge— 
haltenen Lebens. 
Doch ob er sich dies hundertmal vorhielt, der schöne 
Traum, die Sehnsucht nach einem Glück, das fast zu 
groß für dies Leben schien, kehrten dennoch immer wieder, 
und Kurt litt sehr unter dem Zwiespalt zwischen unbe— 
zwingbarer Neigung und kühler Erwägung. 
Stasia Gräfin Mierzlinsky erinnerte sich, wie sie 
der Mutter sagte, vier Wochen nach dem Besuch bei 
Kürt, daß sie ihn doch wieder einladen müßten. Die 
erste Einladung sähe sonst ja wie eine lästige Pflicht 
aus, der man sich unterziehen mußte, um von seiner 
Wissenschaft zu profitieren, um unterhalten zu werden. 
Die Generalin meinte: „Wir können den Leutnant 
doch nicht allein einladen?“ 
„Warum nicht?“ Mehr sagte Stasia nicht; aber 
dieses Außerachtlassen der Rücksichten auf sich und andere, 
verriet der klugen Mutter, daß ihre Tochter für den 
Menschen ein Interesse gefaßt habe, das tiefer gehe, als 
das für den gelehrten Offizier, dessen Experimente An— 
regung und Belehrung boten. Im Fluge überdachte sie, 
daß sie bei ihrem Reichtum, ihrer Geburt, der Stellung 
ihres Gatten und in Rücksicht auf ihren Sohn, niemals 
zugeben könnte, Stasia heirate einen einfachen Leutnant, 
der keiner großen und einflußreichen Familie angehöre. 
Stasia ahnte nicht, was in der Seele ihrer Mutter 
vorging, als diese ihr auf ihr naives: „Warum nicht?“ 
antwortete, sie wolle den General fragen. was er da— 
zu sage. 
Eine Stunde später hatte das Ehepaar von Mierz—
	        
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