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Hilde

Full text: Babel-Berlin / Gruenstein, Josef Rudolf (Public Domain)

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Man überlegte hin und her, und endlich kamen die 
Gatten darin überein, nach Berlin zu übersiedeln. 
„Dort ist Leben, ist Verkehr, ist Regsamkeit auf 
allen Gebieten,“ rief der Major beschwingt von Hoff⸗ 
nung aus, „und wo Hunderttausende Stellung, Arbeit 
und Einkommen finden, werde wohl auch ich mich zu 
betätigen vermögen.“ 
Man vermied es, von der Übersiedelung viel Auf— 
hebens zu machen, nur einige Kameraden, mit denen der 
Major befreundet war, wußten, welche Pläne er hegte. 
Nirgends gibt es seltener wahre Freundschaft als 
unter den Kameraden beim Militär. Zwar ist der gegen— 
seitige Verkehr der Herren Offiziere äußerst korrekt, zwar 
werden alle Zeremonien der Höflichkeit sorgfältig ge— 
wahrt, aber auch dort gilt das brutale Naturgesetz, daß 
sich nur Wenige seelisch nähern, nur Einzelne lieben. 
Kleinlich sind die Herren, aber wahrhaft schmerzlich 
lieblos die Frauen. Sie kamen zu Frau Major von 
Kempen voll Verzweiflung über das Unerwartete, aber 
die leidende Frau Majorin wußte, sie kämen, zu sehen, 
ob der Schlag sie zu Boden würfe. Und sie verdarb 
ihnen die Freude, sie bemitleiden zu dürfen und zeigte 
ein heiter lächelndes Gesicht. Die Offiziersdamen konn— 
ten sich dies nicht erklären und kamen endlich unter— 
einander zur Annahme, es sei kein Zweifel, die Kempens 
verbergen ein Geheimnis, die Pensionierung sei hinten 
herum erbeten worden, damit der Rücktritt vom Dienst 
sich ohne Aufsehen vollziehen könne. Als es endlich gar 
ruchbar wurde, Major von Kempen zöge nach Berlin, 
erschien es den gelangweilten Damen, die so gern irgend 
eine Sensation suchten, um doch einmal etwas zu er— 
leben, offenbar, die Kempens hätten eine große Erb— 
schaft gemacht. Er wollte ja schon immer fort, deshalb
	        
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